16-Jährige kelly doualla sprintet heute abend ins 60-m-weltmezzo: „ich bin kein maskottchen, ich bin teil des teams“
Um 20.14 Uhr poltert in Torun der Startschuss für die 60-m-Semifinale der Frauen – und mitten zwischen Olympiasiegerinnen steht ein Teenager mit Kameruner Wurzeln und deutschem Pass, die Kelly Doualla. 7,27 Sekunden lief sie gestern, schneller als jede Deutsche in ihrem Alter je auf der Weltbühne. Die Hallen-WM ist ihr erstes Absolut-Debüt, das Hotelzimmer daneben bewohnt Julien Alfred, Olympia-Gold über 100 m. „Da schluckt man kurz“, sagt sie und lacht trotzdem.
Zwischen kindheit und königsdisziplin
Die U18-Europameisterschaft war vor drei Wochen noch das Größte, was sie kannte. Jetzt sitzt sie im Mixed-Zone-Flickerlicht, plaudert auf Französisch mit Reportern, weil ihre Großeltern aus Yaoundé stammen, und erklärt, warum sie in der Call-Room-Hölle ausgerechnet rapperte: „Die Großen gucken nur auf ihre Startblöcke. Ich dachte, ein Song passt zur Stimmung.“ Keiner schimpft. Stattdessen klopft ihr Zaynab Dosso auf die Schulter, Italiens Sprint-Hoffnung, und erzählt, welche Nägel am besten die Kurve halten, wenn der Boden rauf- und runterzieht.
Captain Nadia Battocletti kümmerte sich sogar um Douallas Haare. „Ich hatte Angst, sie würden kürzen“, sagt Kelly. „Sie hat nur zwei Millimeter genommen und dafür gesorgt, dass die Klammern halten.“ Kleine Gesten, große Wirkung. In ihrem Kopf entsteht gerade das Bild einer Zukunft, in der sie nicht mehr nur dabei ist, sondern gewinnt.

Risotto, hähnchen, weltklasse
Vor dem Rennen wird sie Reis und Hähnchen inhalieren, 20 Minuten Nickerchen, dann Videoanalyse mit Bundestrainer Andreas Wagner. Die Zahlen sind gnadenlos: In der Vorlauf-Heat lag sie 0,04 Sekunden hinter Alfred. Für das Finale braucht sie einen weiteren persönlichen Rekord, vielleicht 7,20 s. „Ziel ist nicht Platz zwölf oder zehn“, sagt sie und klingt dabei wie ein Kind, das Taschengeld spart, um sich ein Raumschiff zu kaufen – absurd, aber folgerichtig.
Der italienische Verband feiert sie schon als „Export aus dem deutschen Nachwuchs“, weil sie 2025 in München startberechtigt ist und dann vielleicht in beiden Trikots läuft. Die Entscheidung liegt bei ihr. „Ich will heute einfach nur laufen. Der Rest ist Papierkram“, sagt sie und verschwindet Richtung Track, wo die Lautsprecher schon Lane 6 ansagen.
Wenn heute Abend die Türen der Arena zuklappen, steht außer dem Sieg auch ein Statement an: Jugend gehört nicht auf die Tribüne, sondern auf die Spitze der Kurve. Doualla wird sprinten – und ganz Torun wird sehen, dass 16 Jahre nicht zu jung sind, um Erwachsene zu alt aussehen zu lassen.
