168 Förderplätze für 200 paralympics-stars: jetzt rebellieren deutschlands behinderte-eliten

Knapp 48 Stunden vor der Eröffnung der Winterspiele in Norditalien schlägt Deutschlands Parasport-Elite zurück. Fast 200 Athleten unterzeichnen eine Brandbrief-Erklärung, die das Kanzleramt und den Bundestag vor eine einfache Rechnung stellt: 168 staatliche Förderplätze treffen auf 200 Paralympics-Starter. Die Lücke: 32 fehlende Lebensversicherungen für Weltklasse-Leistung.

„Wir fordern 200 plätze – zweckgebunden und mehrjährig abgesichert“

Die Formulierung klingt nach Verwaltungsdeutsch, ist aber eine Kampfansage. Hinter dem Papier stehen Namen, die Medaillen garantieren: Anna-Lena Forster, Markus Rehm, Elena Semechin. Drei Tage, bevor sie in die Alpen reisen, erklären sie der Bundesregierung den Krieg im Ministerrat. „Jetzt ist der Moment, zu handeln“, sagt Schwimmerin Semechin – und meint: Wer jetzt zögert, verliert Gold.

Die Rechnung ist so kühl wie die Eisfläche von Cortina: 400 000 Euro jährlich kosten die 32 zusätzlichen Spitzenplätze. Das entspricht weniger als 0,2 Prozent des gesamten Spitzensportetats. Michels, Präsident des Deutschen Behindertensportverbands, spricht es aus, was jeder Athlet denkt: „Das ist kein Geld, das ist ein Signal.“

Die teure realität hinter den paralympics

Die teure realität hinter den paralympics

Denn der Schein trügt. Was wie ein Budgetproblem aussieht, ist ein Strukturproblem. Forster erzählt von Prothesen, die teurer sind als ein Mittelklassewagen, von Rollstühlen, die man sich selbst finanziert, von Trainingslagern, die ohne Förderung ins Leere laufen. „Wir sind nicht nur schneller, wir sind auch teurer“, sagt die Skifahrerin. Der Staat zahlt für olympische Athleten, Para-Athleten zahlen für den Staat.

Die Erklärung spricht von „gesellschaftlicher Rendite“. Gemeint ist: Jede Medaille, die ein Para-Athlet holt, ist ein Sieg über Vorurteile. Jede fehlende Förderstelle dagegen ist eine Einladung an die Konkurrenz – und die kommt aus den USA, aus Großbritannien, aus China. Dort werden Paralympics-Stars nicht gefördert, sie werden gesponsort. Deutschland wartet noch auf den ersten Parasport-Millionenvertrag.

Am Freitag fällt der Startschuss in Norditalien. Die deutsche Delegation reist an, ohne zu wissen, ob sie 2027 noch mit 168 oder bereits mit 200 Förderplätzen zurückkehrt. Die Athleten haben ihre Kalkulation gemacht: 400 000 Euro sind weniger als die Prämie für einen einzigen Bundesliga-Stürmer. Die Frage ist nicht, ob sich Deutschland das leisten kann. Die Frage ist, ob es sich leisten will, weiterhin nur 84 Prozent seiner Paralympics-Starter zu fördern. Die Antwort liegt im Kanzleramt – und auf dem Podest von Cortina.