122 Minuten eishockey-qual: kindopp beendet den del2-marathon

Die Uhr an der ROFA-Tribüne sprang Sekunden nach Mitternacht auf 122:35 – dann knallte Bryce Kindopp den Puck gegen das Eis, Christopher Kolarz streckte sich vergebens, und 4.425 Kehlen brüllten sich heiser. Rosenheim gegen Regensburg lieferte das längste DEL2-Spiel aller Zeiten, verschob die Grenze des Machbaren und schickt die Serie mit 2:1 an die Donau.

5:3-Führung weggefroren

Noch 5:34 Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit führten die Starbulls mit 5:3. Die Bierbänke am Band wackelten, die Schlagband klatschte – alles schien gelaufen. Doch Samuel Payeur riss die Gastgeber aus ihrem Selbstverständnis, verkürzte, und als die Rosenheimer mit halbem Beinschutz auf der Auswechselbank schon den Siegtreffer feierten, schlich Payeur 34 Sekunden vor der Sirene erneut zum Slot und schob zum 5:5. Die Arena verstummte, als hätte jemand den Stecker gezogen.

Was folgte, war kein Hockey mehr, sondern ein Ausdauertest mit Schlittschuhen. Drei reguläre Overtimes à 20 Minuten, dazwischen keine Kabinen, nur Energygel und Eiswürfel in Handschuhen. Die Schüsse häuften sich wie die Kilometer auf einem Schrittzähler, aber zwei Männer verwehrten den Zugang zum Tor wie Türsteher vor einem ausverkauften Club: Jonas Neffin (Regensburg) und Christopher Kolarz (Rosenheim) lagen teilweise horizontal im Gehäuse, nur um den Puck nicht durchzulassen.

Die 4. overtime – als würde jemand das licht ausknipsen

Die 4. overtime – als würde jemand das licht ausknipsen

Die Anzeigetafel zeigte 119:12, als ein Rosenheimer Haken die Scheibe in die Nähe von Kindopp spülte. Der Kanadier nahm den Abpraller, ließ Kolarz die Schulter statt des Puckes treffen und schob ins leere Tor. Die Bank der Eisbären kollabierte in eine Kiste, die Starbulls standen regungslos, als hätte man ihnen das Herz rausgerissen. 122:35 Minuten – mehr als zwei komplette Spiele in einem Stück.

Warum das mehr ist als nur ein rekord

Warum das mehr ist als nur ein rekord

Das Ergebnis verschiebt die Play-off-Bilanz, aber die Zahlen dahinter verschieben die Wahrnehmung: 113 Schüsse auf beiden Seiten, 86 Saves von Kolarz, 78 von Neffin, 27 Strafminuten, ein Eiscrew, das zwischen den Drittelovers nochmal scharrte, als wäre es früher Abend. Trainerteam Jan Melichar und Daniel Naud nutzte die Time-outs, um Spieler zu dehydrieren statt zu instruieren. „Wir haben kein System mehr gehabt, nur noch Charakter“, sagte Neffin im Mixed-Zone-Fliaster auf den Lippen. Das muss reichen, wenn Xs und Os im Müll sind.

Am mittwoch droht nachschlag

Am mittwoch droht nachschlag

Die Eisbären führen 2:1, doch niemand in Regensburg glaubt, dass die Serie jetzt eine Normallaufzeit erträgt. Die Reservebank ist halb leer, die Top-Doppelstürmer haben über 45 Minuten Eiszeit auf der Uhr. Starbulls-Coach Joe Lewis kündigte an, dass er sein viertes Trio „wie frische Beine vom Band“ einsetzen wird – ein Satz, der klingt, als hätte er sich selbst nicht geglabt. Anpfiff in der Donau-Arena ist 20 Uhr, die Geschichtsbücher haben schon ein neues Kapitel, aber keiner der Beteiligten will wieder 122 Minuten schreiben. Der Rekord steht, die Knochen der Spieler auch – nur ihre Lungen werden am Mittwoch wieder alles geben müssen, sonst sind sie binnen 60 Minuten Geschichte.