108 Fußgänger tot: italiens straßen werden zur todesfalle
108 Mal blinkte in Italien seit Neujahr das Blaulicht, 108 Mal war es zu spät. Die Unfallzähler des Observatoriums Asaps melden eine brutale Sprung von 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum – und die Saison steht noch am Anfang.
Lombardei führt die traurige rangliste an
Die Zahlen sind kein statistisches Modell, sondern das Ergebnis akribischer Recherche: ASAPS-Mitarbeiter scannen Lokalzeitungen, pflegen Kontakte zu Polizeidienststellen, dokumentieren jeden einzelnen Fall. Das Ergebnis: 108 Fußgängerleben ausgelöscht, davon 72 Männer, 36 Frauen. Mehr als die Hälfte älter als 65 Jahre. Die Region Lombardei verzeichnet 15 Todesfälle, gefolgt von Piemont (12), Lazio (10) und Kampanien (9).
Der Schock sitzt tiefer, weil die Unfallorte nicht irgendwelche verkehrsreichen Schnellstraßen sind. Genau die Hälfte der tödlichen Kollisionen passierte auf sogenannten sicheren Terrain – auf Zebrastreifen. Dort, wo eigentlich Schutz herrschen sollte, endete für 50 Menschen der Weg zur Arbeit, zum Kindergarten, zum Nachbarschaftsladen.
Der Vorsitzende von ASAPS, Giordano Biserni, spricht von „einem Anstieg, der sich nicht mehr mit Wetter oder Zufall erklären lässt“. Die Geschwindigkeit, das Smartphone, das Fehlen von Zebrastreifenbeleuchtung – die Ursachenkette ist bekannt, doch die Politik reagiere mit „Halbmaßnahmen und Warmduscher-Parolen“. Seine Forderung: Tempo 30 in Wohngebieten flächendeckend, sofortige Verstärkung der Verkehrspolizei und eine Kampagne, die nicht mehr nur mahnt, sondern knallhart sanktioniert.

Die stille danach – ein system ohne gedächtnis
Was die Statistik nicht erfasst, ist das Nachspiel: Familien, die einen Wegfall verspüren, der sich nicht in Stunden, sondern in Lebensjahren misst. Ein Beispiel: In Mailand wurde Anfang März ein 68-jähriger Lehrer auf dem Weg zum Friseur erfasst – fünf Meter vom Bürgersteig entfernt. Die Schuldfrage steht noch, doch seine Frau sagte Reportern nur: „Die Ampel war grün, und dann war er weg.“
Die offiziellen Zahlen von Istat und ACI folgen mit halbjährlichem Verzögerung. Solange werden Schilder umgeknickt, Blumensträuße verwelken, und die Politik wartet auf endgültige Daten – ein Warten, das weitere Fußgänger das Leben kostet. Denn wer nur reagiert, statt vorzupreschen, spielt Roulette mit Menschenleben.
Die Bilanz der ersten drei Monze ist schon jetzt so düster wie seit zehn Jahren nicht. Ohne Temporeduktion, ohne Infrastruktur und ohne ein Umdenken der Autofahrer droht 2026 die Schallmauer von 400 Fußgängertoten zu fallen. Die Zeit der Beschwichtigungen ist vorbei – sonst bleibt Italien nicht nur Land der Lebensart, sondern auch der unbehelligten Überholspur.
