Yannic seidenberg packt aus: „ein arzt hat mein leben zerstört“
Ein Hauch Creme, eine verbotene Substanz, ein Karriereknick – Yannic Seidenberg spricht erstmals offen über die Doping-Affäre, die ihn 30 Monate auf die Tribüne bannte. Der Olympia-Silberheld von 2018 bezweifelt bis heute, dass die Strafe angemessen war.
Die nacht, in der alles zerbrach
Es war der 1. September 2022, nur Tage vor dem ersten DEL-Pflichtspiel mit EHC Red Bull München. Seidenberg saß beim obligatorischen Doping-Test im Antidoping-Zentrum, „locker, wie immer“, wie er sagt. Am Telefon klingelte 14 Tage später die Katastrophe: Testosteron in der Probe. „Ich habe erstmal laut gelacht – dachte, das sei ein schlechter Scherz“, erinnert sich der 42-Jährige im Sport1-Podcast Deep Dive. Die Realität schlug wenig später in Form einer Vier-Jahre-Sperre zu.
Die Ursache lag zwei Jahre zurück: eine Rezeptur gegen Depressionen. Ein Arzt hatte ihm eine homöopathische Yamswurzel-Creme verschrieben. „Abends ein bisschen auf den Oberarm – fertig“, sagt Seidenberg. Dass darin anabole Hormone steckten, erfuhr er erst, als Beamte seine Wohnung durchsuchten. „Ich stand in Socken da und habe meinem Hund Futter gegeben, plötzlich war die Küche voller Leute.“

Die frage, die ihm keine ruhe lässt
Die Sperre wurde auf 30 Monate reduziert – doch die Gerechtigkeit bleibt für ihn ein Phantom. „Habe ich vertrottelt, einen Medikamentencheck zu machen? Ja. Aber bin ich deshalb ein Betrüger? Ich weiß es nicht, ich sage: nein.“ Seine Stimme wird im Interview rauer, als er den Moment beschreibt, in dem er den verschreibenden Arzt zur Rede stellte: „Ich hab ihn gefragt, ob ihm klar sei, dass er gerade mein Leben zerstört hat. Er hat nur gestammelt.“
Das Urteil der Anti-Doping-Juristen ließ ihm keine Option: Strafbefehl akzeptieren oder vor Gericht ziehen – mit Risiko auf die volle vierjährige Strafe. „Ich war 39, meine Zeit lief weg. Ich habe kapituliert, um überhaupt noch einmal spielen zu dürfen.“

Comeback und abschied in einem atemzug
Im Januar 2025 schnürte Seidenberg wieder die Schlittschuhe – Kassel Huskies, DEL2, Trainingslager in Österreich. „Die Jungs haben mich wie einen Neuling behandelt, ich kam mir vor wie 18“, lacht er. Im Februar gab es einen Vertrag bis April, in den Play-offs 30 Minuten Eiszeit pro Partie. Dann war Schluss. „Ich wusste: Das war’s. Der Körper sagt danke, der Kopf auch.“
Heute arbeitet der Ex-Stürmer als Player-Entwickler bei einem Nachwuchsleistungszentrum. Mit der Doping-Vergangenheit hadert er noch immer. „Ich will keine Entschuldigung sein, ich will ein Warnsignal. Prüft eure Medikamente, fragt nach, zweifelt. Die nächste Creme kann eure Karriere beenden.“
Seine Silbermedaille von Pyeongchang hängt im Wohnzimmer. „Die kann mir keiner nehmen“, sagt er. Die Erinnerung an die 900 Tage Zwangspause allerdings auch nicht.
