Yakin jagt brasilianisches juwel: 18-jähriger soll schweizer nati retten
Murat Yakin sitzt auf heißem Stuhl – und schielt nach Südamerika. Der Schweizer Nati-Coach hat Nicolas Bosshardt entdeckt, einen 18-jährigen Linkverteidiger vom FC São Paulo, der in Brasilien aufwuchs, aber auch den Schweizer Pass in der Tasche trägt. Ein Name, der bislang kein einziges Mal in europäischen Transfergerüchten auftauchte, könnte binnen Monaten zur DNA der Nati gehören.
Warum ausgerechnet jetzt?
Die Antwort lieferte Yakin ungeschminkt auf der Pressekonferenz: „Er ist Linksverteidiger, wo wir nicht gerade ein Übermass haben.“ Eine einzelne Zeile, die die ganze Dramatik offenlegt. Seit Ricardo Rodríguez seine Top-Form verlässt, suchen die Schweizer vergeblich einen Nachfolger, der Tempo, Robustheit und Torgefahr vereint. Bosshardt bringt laut Yakin alles mit: „kräftig, jung, Topliga-Erfahrung“. Drei Adjektive, die in der aktuellen Personalie rar sind.
Die Scouts des Schweizer Verbandes haben Videos gesichtet, Daten gezogen, Telefonate geführt. Ergebnis: Bosshardt hat in 14 Spielen für São Paulo’s U-20-Elf drei Vorlagen geliefert, gewinnt 62 % seiner Zweikämpfe und schlägt diagonalen Balls mit beiden Füßen. Zahlen, die bei den Analysten in Murten sofort rote Markierungen auslösten.

Der plan: schnellreise und seelenfang
Yakin will den Teenager „zeintnah“ besuchen – ein Euphemismus für eine geheime Mission nach Campinas, wo São Paulo seine Nachwuchszentrale betreibt. Mit dabei: Sportchef Pierre-Emile Højbjerg alias «Goal-Getter»-Scout Fabio Santini sowie ein Psychologe, der Bosshardts familiäre Bindung zur Schweiz testet. Denn der Junge hat nie in Basel oder Zürich gelebt; seine Mutter stammt aus Chur, seine Wurzeln sind theoretisch, die Sehnsucht nach Canarinha aber real.
Knackpunkt WM-Kader: Die Endrunde in Katar rückt näher, Yakin muss seine endgültige Liste bis 13. November abliefern. Reicht die Zeit für ein Kurz-Debüt in der Nations League? „Wir werden sehen“, so Yakin, „der Tipp kam sehr kurzfristig rein.“ Eine Phrase, die aber auch bedeutet: Falls Bosshardt zustimmt, könnte er noch vor Weihnachten im Trikot mit der weißen Kreuzfadte auflaufen.
Der Spieler schweigt bislang öffentlich. Sein Berater Marcelo Simões lässt durchsickern, dass die Familie „offen für alle Optionen“ sei. Brasiliens U-20-Coach Ramon Menezes wiederum wartet auf einen Anruf – er sieht Bosshardt als Ersatz für Renan Lodi auf der linken Seite. Es ist ein Poker um Zeit, Gefühle und eine WM-Ticket, das vielleicht nie wieder so günstig fallen wird.
Für die Schweiz geht es um mehr als nur einen Linksverteidiger. Es geht um die Frage, ob das Team nach dem enttäuschenden Sommer in der Nations League wieder Mut generieren kann. Ein 18-Jähriger aus São Paulo als Hoffnungsträger – das klingt verrückt, passt aber ins neue Muster der Nationalteams, die Talente weltweit aufspüren, bevor sie woanders groß werden. Yakin hat den Startschuss gegeben, jetzt muss Bosshardt liefern – oder sich für die Selecção entscheiden. Die Uhr tickt. Und die Welt schaut auf ein Teenager-Bein im Maracaná.
