Xavier guix packt aus: warum wir an alten schmerzen festhalten

Xavier Guix sieht sie jeden Tag in seiner Praxis: Menschen, die behaupten, ihr Trauma überwunden zu haben, aber beim kleinsten Trigger zusammenbrechen. Der Psychologe nennt das Phänomen „Identitätsklebstoff“. Wir kleben nicht an Erinnerungen, sondern an der Geschichte, die wir über uns selbst erzählt haben.

Die erinnerung lebt – und lenkt unser leben

Guix‘ neues Buch „El reto de soltar el pasado“ wirft einen schonungslosen Blick auf diesen Mechanismus. Der Kern: Solange wir unser Verhalten nicht hinterfragen, wiederholen wir automatisch alte Muster. „Wir glauben, freie Entscheidungen zu treffen, sind aber nur ein Abspielgerät alter Programme“, sagt er im Gespräch mit Marca Bienestar.

Die eigentliche Falle ist die Schuld. Guix unterscheidet Reue („Was ich nicht tat“) und Gewissensbiss („Was ich tat“). Beide Varianten erzeugen ein Dauerfeuer in der Großhirnrinde. Wer darin verharrt, verpasst den Moment, in dem er umlenken könnte.

Der neustart beginnt mit einem einzigen satz

Der neustart beginnt mit einem einzigen satz

Guix‘ Rezept klingt simpel, ist aber ein Kraftakt: „Es war nicht anders möglich.“ Wer diesen Satz akzeptiert, stellt den Kampf gegen die Vergangenheit ein. Die Energie, die in Wut und Selbstvorwürfen versickert, wird frei für neue Handlungen. „Das Gesicht der Patienten verändert sich sichtbar – sie wirken, als hätte jemand den Stecker wieder eingesteckt“, berichtet der Therapeut.

Der Effekt ist messbar: Herzfrequenzvariabilität steigt, Cortisol sinkt, die Willensmuskulatur wächst. Plötzlich ist Sport kein Muss mehr, sondern ein Ausdruck neu gewonnener Lebendigkeit. Guix nennt das „Präsenztraining“ – und genau darin liegt der Zugang zur echten Leistungsfähigkeit.