Wolfsburg zittert vor lyon: popp aus, lerch angespannt

Kein Knistern, kein Pardon: Im AOK-Stadion rollt Dienstag um 18:45 Uhr der Ball, und mit ihm rollt die Saison der Wölfinnen auf Messers Schneide. Gegner Olympique Lyon, November-Gewinner 3:1, gilt als lebende Tormaschine – Wolfsburg muss ohne Alexandra Popp antreten, ohne Lena Lattwein, ohne Sophia Kleinherne und ohne Kessya Bussy. Der Rest? Reine Nervensache.

Lerch plant den poppinsel-ersatz

Stephan Lerch trommelt mit den Fingern auf die Taktiktafel. „Wir wollen den Ball laufen lassen, aber nicht hinterher“, sagt der 41-Jährige und meint damit genau jene Phase, in der Lyon in der Gruppenphase die Räume zerrissen hat. Die Lösung: ein 4-4-2 mit flacher Kette, Sveindís Jónsdóttir als falsche Neun und Jule Brand als permanente Überzahl auf links. Popp fehlt als Anführerin, nicht nur wegen ihrer Kopfballstärke – sie fehlt als Lautsprecher in der Hinterhand. „Wir müssen lauter werden, ohne sie zu verstummen“, sagt Lerch und klingt kurz wie ein Philosoph.

Die Zahlen sprechen gegen den VfL: Lyon erzielte in dieser K.o.-Phase 13 Tore, kassierte keins. Wolfsburg? Fünf Treffer, drei Gegentreffer. Die Französinnen laufen nicht nur schneller, sie denken schneller. Wendie Renard verschiebt die Abwehr per Handzeichen, Delphine Cascarino nimmt jeden Ball mit, als hätte sie ihn vorher bestellt. Dennoch: In der Bundesliga hat Wolfsburg dreimal in Folge gewonnen, ohne auch nur ein Gegentor in Liga und Pokal seit Mitte Februar. Das Selbstvertrauen ist da, es steckt nur in einem kleineren Behälter.

Die frage nach dem wunder

Die frage nach dem wunder

Die Fans fragen sich: Wer wird Popp? Marina Hegeringübernimmt Kapitänsbinde und Befehlston, Lena Oberdorf rückt eine Linie höher und soll Amandine Henry die Lufthoheit rauben. Kleinherne kann gerade mal 45 Minuten gehen, Bussy fehlt komplett – das Mittelfeld wird zur Rettungsinsel. Lerch: „Wir brauchen kein Wunder, wir brauchen eine ruhige erste Viertelstunde.“ Das klingt nach Lehrbuch, ist aber die einzige Chance, das Tempo zu drosseln.

Die Uhr tickt. Bei einem Debakel droht der Saisonknick, bei einem Erfolg der Durchbruch in die Riege der Unbestechlichen. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 27 Prozent – so viel Ballbesitz hatte Wolfsburg im November in Lyon, bevor die Maschine abschaltete. Diesmal will Lerch „mindestens 35 Prozent plus Sieg“. Kein Trainer sagt so etwas, wenn er nicht an eine kleine Sensation glaubt.

Am 2. April folgt das Rückspiel im Parc OL. Bis dahin kann Popp vielleicht wieder joggen, nicht aber kopfballduellieren. Wolfsburg muss also heute liefern, sonst ist die Champions-League-Träume schon vor dem Frühjahrsanfang geplatzt. Lerch blickt auf den Rasen, auf dem seine Spielerinnen noch ihre Fußabdrücker hinterlassen. „Wir sind der Außenseiter, klar. Aber Außenseiter beißen manchmal – und zwar direkt in den Achillessehne des Favoriten.“