Wolfsburg klaut hoffenheim den atem – heckings comeback liefert ersten lebensretter

1:1 in Sinsheim, 83. Minute: Grischa Prömel donnert die TSG-Equipe jubelnd in den Strafraum, die Heimfans toben, doch im Wolfsburger Block atmen 400 Anhänger erst mal durch. Der VfL hält einen Punkt fest, der so schwer wiegt wie ein Kurzzeit-Atemschutzgerät.

Dieter Hecking stand nach dem Schlusspfiff am Spielfeldrand, die Hand in die Hosentasche gestemmt, als hätte er eben nur den Zeitungsjungen nach dem Weg gefragt. „Wir hätten natürlich gerne drei Punkte mitgenommen“, sagte er mit der Ruhe eines Mannes, der weiß, dass Panik keine Tabelle verändert. „Aber der Punkt ist ein erster Schritt, und der tut weh gut.“

Der befreiungsschlag kam aus athen

Der Schritt war 64 Minuten lang ein Sprung. Konstantinos Koulierakis, 20 Jahre, Griechenland-U21-Nationalspieler, veredelte per Kopf eine Ecke von Patrick Wimmer. Der Verteidiger traf zum ersten Mal in seinem 14. Bundesliga-Spiel – und lieferte dem VfL das erste Auswärtstor seit Mitte Januar. Die Führung war keine Glanznummer, sie war ein Notbehelf: Hecking hatte seine Mittelfeld-Raute umgestellt, Maximilian Arnold tiefer, Joakim Mæhle höher, die Räume enger. Hoffenheim besaß 72 Prozent Ballbesitz, aber nur zwei Torschüsse aus zentraler Position bis zur 80. Minute. Der Plan ging auf – bis Prömel die Lücke fand.

Die Szene war symptomatisch: Wolfsburgs Viererkette stand einen Meter zu tief, Moritz Jenz verlor den Zweikampf, Koen Casteels war schon in Bewegung, da prallte der Ball bereits im Netz. Die deutsche Zweitliga-Abwehr der letzten Saison schien für einen Moment zurück. Hecking reagierte mit der Geste eines Mannes, der weiß, dass man Abstiegskampf nicht in 90 Minuten repariert, sondern in 90 Prozent der Spiele verhindert.

Pirmin schwegler sitzt auf glühenden kohlen

Pirmin schwegler sitzt auf glühenden kohlen

Der Sportdirektor hatte tags zuvor noch auf der Geschäftsstelle die Kaffeemaschine repariert, weil Peter Christiansen seinen Platz räumen musste. Nun saß Schwegler auf der Bank, die Beine verschränkt, als wolle er sich selbst festhalten. „Der Punkt hilft“, sagte er nach dem Spiel, „aber der Relegationsplatz ist noch drei Zähler entfernt, und wir warten seit neun Partien auf einen Sieg. Das ist keine Serie, das ist ein Mahnmal.“

Hecking gibt sich dabei fast schon trotzig gelassen: „Ich habe kein Wunder erwartet, ich erwarte Arbeit.“ Die Arbeit beginnt am Dienstag mit einer Einheit gegen den Ballverlust im Mittelfeld. Die Statistik ist gnadenlos: Wolfsburg gewann in dieser Saison erst ein Spiel, wenn sie nicht in Führung lag. Führungen aber waren selten, Konstanz noch seltener. Der VfL ist das einzige Team, das in zwölf Rückrundenspielen nie zwei Mal in Folge ungeschlagen blieb.

Die Wahrheit steckt in einer Zahl: 0,67 – so viele Punkte holte Wolfsburg pro Spiel unter Daniel Bauer. Unter Hecking sind es nach einem Spiel bereits 1,0. Kleine Schritte, aber in der Abstiegszone zählt jeder Tausendstel-Punkt. Der Coach weiß: „Wenn wir in Mainz gewinnen, ist der Relegationsplatz kein Thema mehr.“ Verliert der VfL dort, ist die Luft dagegen so dünn wie in der 83. Minute in Sinsheim.

Die Saison ist kein Marathon mehr, sie ist ein 400-Meter-Finale mit Startblock. Hecking hat den Schlips gegen die Trainingsjacke getauscht, die Stimme klingt heiser vom Dauergebrüll. Am Flur der Kabine klebt ein Zettel: „Erst wenn der Schiri pfeift, sind wir unten.“ Der Pfiff in Mainz kommt am Samstag. Dann wissen die Wölfe, ob der Punkt in Hoffenheim Rettung war – oder nur eine Atempause auf dem Weg in die 2. Liga.