Zürich verspielt wieder in letzter minute: 1:2 gegen sion – die angst wächst

Letzten Samstag, 94. Minute, Letzigrund: Der Ball rollt erneut ins Zürcher Netz. Die Uhr zeigt 21.48 Uhr, das Stadion verstummt. Immer dieselbe Geschichte, immer dieselbe Minute. Der FC Zürich unterliegt dem FC Sion mit 1:2 – die vierte Pleite nacheinander, das dritte Mal in Serie mit dem 1:2-Endstand. Trainer Dennis Hediger stapft mit leerem Blick Richtung Kabine. „Ich kann die Pressekonferenz im Schlaf mitsprechen“, sagt er. Die Worte klingen wie ein Aufschrei gegen das Déjà-vu.

Hediger wirft seiner mannschaft mangelnde rücksichtslosigkeit vor

Die Statistik schwarz auf weiss: Vier Spiele, 360 Minuten, drei Gegentore zwischen der 85. Minute und dem Abpfiff. „Wir laden den Gegner einfach ein“, hadert Hediger. „Er läuft durch die Box wie durch ein Revier ohne Hund.“ Die Zahlen geben ihm recht: In den letzten vier Partien kassierte Zürich 13 Torschüsse aus zentraler Position innerhalb des Strafraums – fast jeder zweite landete im Tor.

Die Taktik? Sie existiert auf dem Papier. Mitte der zweiten Halbzeit stellt Hediger auf Fünferkette um, doch die Innenverteidigung rutscht auseinander wie ein altes Puzzle. Sions Siegtreffer fällt, weil Christian Kouakou zwischen zwei Zürchern steht, dreht, abzieht – keine Hand liegt im Zweikampf auf seinem Trikot. Die Kurve pfeift, Hediger stemmt die Hände in die Hüften. Kein Schrei, kein Wort – nur die Körpersprache eines Trainers, der spürt, dass die Saison ihm entgleitet.

Die angst sitzt tief – und sie ist messbar

Die angst sitzt tief – und sie ist messbar

Psycho-Trainer würden von „Selbstüberschneidungsangst“ sprechen. Die Spieler reden nicht darüber, doch die Passquote bricht in der Schlussphase um 18 Prozent ein. Immer wenn das Rückspielgerät in der Nordkurve die Nachspielzeit anzeigt, wirft Zürich den Ball in Seitenrichtung statt nach vorne. „Wir wollen das 1:0 oder 1:1 verwalten, vergessen aber, dass Spiele 90 Minuten dauern“, sagt Mittelfeldspieler Léo Lacroix leise. Seine Stimme zittert, ob von Erschöpfung oder Frust, lässt er offen.

Die Liga ist unbarmherzig. Nach 30 Runden steht der FCZ auf Rang neun – nur zwei Punkte über dem Strich. Das Restprogramm: Auswärts in Basel, daheim gegen St. Gallen. Beide Teams buhlen um die Meistergruppe. „Wenn wir so weiterspielen, planen wir ab Mai den Trainingsplatz, nicht die Playoffs“, sagt Hediger trocken. Die Rechnung ist simpel: Noch zwei Pleiten, und der Abstiegsrechner schaltet auf Realitätsmodus.

Am Sonntagmorgen, 9.15 Uhr, öffnet der Klubshop trotzdem wie jeden Tag. Ein Vater kauft seinem Sohn ein Trikot, Nummer 9, Name Asumah Abubakar. Der Junge fragt: „Gewinnen wir nächste Woche?“ Der Vater schweigt, zuckt mit den Schultern. In dieser Stadt wächst gerade eine Generation heran, die den Begriff „Schlussphase“ bereits mit Schmerz assoziiert. Solange der FC Zürich in der Nachspielzeit nicht aufwacht, bleibt der einzige Sieg der Woche der, den man sich am Fanshop ausrechnet: 89 Franken für ein Kinder-Trikot – ohne Rabatt.