Tvb stuttgart zieht österreichische talente über wels nach deutschland
Der TVB Stuttgart hat sich eine Drehbühne geschnappt – und die steht in Oberösterreich. Mit dem HSC Wels verbindet der Bundesligist ab sofort Nachwuchsförderung, Marketing und Scouting. Erste Test-Camps starten bereits im Sommer; wer auffällt, rutscht direkt ins Profi-System des schwäbischen Klubs.
Geheimer deal oder logische konsequenz?
Handball-Bundesliga-Vereine jagen seit Jahren nach dem nächsten Filip Kuzmanovski oder Niklas Landin. Der TVB setzt nun auf ein Leih-Modell, das sich wie ein Förderband liest: Wels scoutet, Stuttgart professionalisiert. Geschäftsführer Jürgen Schweikardt nennt die 120.000-Einwohner-Stadt am Traunfluß „unser Tor zum österreichischen Markt“ – und meint damit nicht nur Spieler, sondern auch Sponsoren und Zuschauer.
Für den HSC, aktuell Tabellenführer der Absteigsrunde der HLA Challenge, ist die Allianz ein monetärer Blutzufluss. Präsident Philip Pauer spricht offen von „fehlenden fünf Millionen Euro“ im heimischen Spitzensport. Durch den Kooperationsvertrag fließen „sechsstellige Summen“ an externer Expertise in die Kasse der Spiders – ohne dass ein einziger Cent Schulden entsteht.

Wie das camp-system funktioniert
Zwischen August und Oktober finden drei Sichtungs-Events statt: eins in Wels, eins in Stuttgart, ein „Cross-Camp“ mit gemischten Teams. Im Fokus: 15- bis 19-jährige Kreisläufer und Rückraumspieler. „Wir messen nicht nur Sprint und Sprung, wir filmen Mikro-Bewegungen“, sagt Manuel Arzt, Vorstandsmitglied des HSC. Die Daten wandern in eine Cloud, die nur drei Stunden später den Trainern in Stuttgart offensteht. Wer die physischen Eckwerte erfüllt, darf innerhalb von 48 Stunden beim TVB-Probetraining mitwirken – inklusive Versicherung und Schulvertrag.
Ein Beispiel steht bereits in den Startlöchern: Lukas Wieser, 17-jähriger Linkshänder aus Linz, absolvierte ein Kurz-Praktikum beim TVB und durfte im Januar gegen SC Magdeburg auf der Bank sitzen. Noch ist kein Profi-Vertrag unterschrieben, doch die Ausbildungsvergütung ist laut Vereinsangaben bereits so hoch wie ein durchschnittlicher Lehrer-Einstiegsgehalt in Bayern.

Risiko für den traditionsklub?
Kritiker fragen, warum Stuttgart nicht einfach sein eigenes Nachwuchs-Leistungszentrum ausbaut. Schweikardt entgegnet, man habe „keine Lust auf fünf Jahre Bauamt“. Der südbadische Raum sei gesättigt, während Oberösterreich „ein unverbrauchter Pool“ bleibe. Tatsächlich zählt die Statistik: 41 % aller österreichischen U-18-Nationalspieler wohnen innerhalb von 80 Kilometern um Wels.
Die Lizenz-Spielregel der DHB-Bundesliga erlaubt bis zu zwei Ausländer auf der Platzhalter-Liste. Stuttgart hat bereits Franz Schilling und Maximilian Holst aus Kiel im Blick. Fällt ein österreichisches Talent in diese Kategorie, würde es als „Bildungsinländer“ gelten – und somit die Kontingent-Liste nicht belasten. Ein juristischer Trick, der den Klub künftig flexibler macht als die Konkurrenz.
Die Gegenseite zieht nach: HBW Balingen und SG BBM Bietigheim haben bereits angefragt, ob sie sich an der Kooperation beteiligen dürfen. Doch Schweikardt blockt ab: „Erstmal liefern wir den Proof of Concept.“ Die Ergebnisse will er in zwölf Monaten präsentieren – mit konkreten Bundesliga-Einsätzen österreichischer Spieler und einem Plus von mindestens sieben Prozent beim Sponsoring-Umsatz. Läuft alles glatt, plant der TVB ein Joint-Venture mit dem österreichischen Verband – dann wäre Wels nicht mehr nur Sprungbrett, sondern offizielle Dependance.
Ein Satz bleibt hängen, den Pauer am Rande der Pressekonferenz murmelt: „Wenn wir in drei Jahren ein österreichisches Nationalteam mit sieben Stuttgart-Profis stellen, war der Deal ein Schnäppchen.“ Für den TVB klingt das nach Next-Level-Strategie – für die Konkurrenz nach einem Albtraum, den sie verschlafen hat.
