Mall platzt der kragen: «dieses gegentor kurz vor der pause zerstört alles»
Joël Mall spricht mit zitternder Stimme, das Kinn nach unten gezogen. Drei Sekunden Schweigen, dann platzt es aus ihm heraus: «Wir lassen wieder so ein dummes Tor.» Servettes Schlussmann trägt das 1:3 in Basel noch am selben Abag wie einen Splitter unter der Haut – unangenehm, entzündet, nicht wegzukriegen.
Die Szene, die ihn wütend macht, dauerte gerade einmal acht Sekunden. 43. Minute, FCB-Flanke von links, ein einziger Kopfball von Riccardo Calafiori, 1:1. «Plötzlich steht ihr Spieler völlig frei. Keiner greift ein, keiner traut sich. Das ist keine Taktik, das ist Angst», sagt Mall. Mit dem Pausenpfiff verpufft Servettes Halbzeit-Kontrolle wie Luft aus einem Ball.
Was die tabelle verschweigt
Zehn Monate war das Duell Basel–Servette noch das Prestige-Spiel der Super League. Heute trennen beide Klubs nur drei Punkte, nur dass sie im Mittelfeld statt oben hängen. Die Bebbi schielen auf Europa, die Grenats auf Platz neun – und trotzdem wirkt das Resultat wie ein Seitenhieb gegen zwei Verunsicherte.
Mall spart nicht mit Selbstkritik. «Nach dem 0:2 haben wir uns aufgerieben wie ein altes Radio. Es knackst, aber Musik kommt nicht mehr.» Tatsächlich: Zweite Halbzeit, zwei Torschüsse, null xG über 0,15. «Wir laufen, aber wir laufen falsos», sagt er und nutzt absichtlich das spanische Wort für Falschspieler – ein kleiner Seitenhieb auf die Trainingsinhalte der vergangenen Woche.
Der Keeper redet laut, sehr laut. Es ist das erste Mal in dieser Saison, dass er die Kabine öffentlich an die Wand nagelt. «Wenn wir vorne keinen Druck machen, fängt irgendwann auch der beste Torhüter nur noch Schneebälle auf.» Dabei hatte Mall selbst die Handschuhe richtig gemacht: fünf Paraden, zwei davon reflexartig aus sieben Metern. «Nütze es null, wenn hinten wieder ein Loch ist.»

Der abstiegsgipfel rückt näher
Bereits am Samstag gastiert Servette in Lausanne – Tabellenplatz elf gegen neun. Es ist noch nicht März, trotzdem riecht das schon nach Endspiel. «Wenn wir dort wieder so einschlafen, wird der letzte Tabellenplatz Realität», warnt Mall. Die Rechnung ist simpel: Seit acht Auswärtsspielen wartet Servette auf einen Sieg, kassierte dabei 19 Gegentore. «Statistik hin oder her – irgendwann muss der Knoten platzen, sonst platzt die Saison.»
Genau hier liegt der eigentliche Skandal. Die Genfer verpulverten im Winter Geld für fünf neue Leute, doch die spielen noch nicht mal zusammen, sondern nebeneinander. «Wir brauchen keinen neuen Stürmer, wir brauchen eine neue Einstellung», so Mall. Und damit meint er nicht die Sonntagsrede, sondern die zweite Minute nach dem eigenen Eckball, wenn alle noch einmal sprinten.
Am Schluss bleibt eine Frage offen, doch Mall stellt sie nicht. Er schließt stattdessen mit einem Satz, der wie ein Kommando wirkt: «Sonntag in Lausanne wird gespielt, nicht diskutiert. Wer nicht bereit ist, soll zu Hause bleiben.» Dann steht er auf, lässt das Mikro auf dem Stuhl liegen und geht – ohne sich umzudrehen. Die Saison ist noch lang, aber die Geduld von Joël Mall offenbar nicht.
