Italiens wm-albtraum wird zur staatsaffäre: gravina weg, system versagt
Rom schlägt auf dem Balkan zurück. Nach dem Elfmeter-Debakel in Zenica gegen Bosnien, das Italien zum dritten Mal hintereinander vor der WM-Party aussperrt, ist die bislang stabile Fassade der FIGC innerhalb von 36 Stunden in sich zusammengebrochen. Gabriele Gravina hat sein Amt als Präsident niedergelegt, Gennaro Gattuso darf vorerst bleiben, weiß aber, dass er spätestens im Sommer das Feld räumen muss.
Die wut der legenden trifft den verband mitten im herz
Fabio Capello schlief nicht. „Ich habe die ganze Nacht durchgerechnet, wie ein vierfacher Weltmeister so tief sinken kann“, sagte der ehemalige Juve- und England-Coach der Gazzetta dello Sport. Sein Satz ging viral, weil er das ausdrückte, was Millionen Italiener fühlen: pure Scham. Denn das 1:4 im Elfmeterschießen in Zenica war nicht nur ein Ausscheiden, es war die Entlarvung eines Systems, das seit 2017 keine WM mehr erreicht hat.
Die Zahlen sind hart: Kein Sieg in den letzten fünf WM-Play-off-Spielen, nur eines von 24 möglichen Toren in der regulären Spielzeit, vier U-23-Teams in der ganzen Serie A. Während Carlo Ancelotti Brasilien, Fabio Cannavaro Usbekistan und Vincenzo Montella die Türkei zur WM führen, schaut Italien wieder von außen zu.

Politiker erpressen den verband mit parlamentsdebatte
Sportminister Andrea Abodi ließ keine Zeit verstreichen. „Wer Verantwortung trägt, muss sie auch übernehmen“, forderte er öffentlich und stützte sich auf eine Resolution von 40 Senatoren, die Ministerpräsidentin Giorgia Meloni auffordert, „dringend“ über den Zustand des Fußballs zu berichten. Die Drohung: Wer nicht zurücktritt, wird zurückgepfiffen. Gravina folgte innerhalb von Stunden.
Die Nachfolge wird am 22. Juni geklärt – mitten während der WM in den USA, Kanada und Mexiko, als ob man sich selbst ins Abseits stellen wollte. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin warnt indes vor politischer Kurzsichtigkeit: „Das größte Problem Italiens ist das Verhältnis zwischen Fußball-Politik und Parlament. Würden alle an einem Strang ziehen, wäre Italien bald wieder Weltmeister.“

Die serie a liefert keine spieler, die serie b liefert keine hoffnung
Die Liga klafft auseinander. Nur vier Klubs – Juventus, Atalanta, Milan, Inter – betreiben ein U-23-Team, das Jugendkontingent in den Profikadern schrumpft, die Stadien verrotten. Senatspräsident Ignazio Larussa fordert jetzt eine Quotenvorschrift: mindestens vier italienische Stammspieler pro Klub über die ganze Saison. Die Klubs wehren sich, die Agenten lachen, die Fans verzweifeln.
Die nächste Generation? Sie spielt woanders. Sandro Tonali sitzt wegen Wettskandals auf der Tribüne, Federico Chiesa laboriert an einer Knie-Sehne, Gianluca Scamacca ist formlos bei Atalanta. Die taktische Idee Gattusos – drei Mann-Libero mit Ballbesitz-Fußball – endete in Zenica mit 35 sinnlosen Querpasses vor dem eigenen Sechzehner und einem Schuss aufs Tor.

Die wiederauferstehung wird teuer und dauert mindestens acht jahre
Italiens Fußball muss sich neu erfinden, nicht nur neu coachen. Die Lizenzauflagen für Vereine werden verschärft, die Nachwuchs-Zentren sollen sich auf 50 Standorte verdoppeln, die Stadien sollen endlich modernisiert werden – 1,2 Milliarden Euro Investitionen, die kein Klub allein stemmen kann. Die FIFA droht mit Punkteabzug, wenn die Politik weiter Einfluss nimmt, die EU droht mit Subventionsstopp, wenn die Subventionsregeln gebrochen werden.
Der Countdown läuft: In 1.000 Tagen beginnt die WM 2026, Italien steht ohne Stammkeeper, ohne Sturm-Profil und ohne Verbandspräsident da. Die einzige Konstante ist die Wut der Fans. Sie werden nicht fragen, warum das System versagt hat – sie werden fragen, warum niemand vorher handelte. Die Antwort lautet: Weil in Italien der Rücktritt bequemer ist als der Neuanfang. Jetzt bleibt nur noch die Erkenntnis: Ohne Abriss kein Wiederaufstieg.
