Emma aicher nagelt kira weidle mit 0,01 sek. ab – und tritt trotzdem auf der stelle
Kvitfjell – 0,01 Sekunden sind 10 Zentimeter auf 1.000 Metern Geschwindigkeit. Genau diese Länge trennt Emma Aicher vom ersten Super-G-Podest ihrer Karriere. Genau diese Länge trennt sie auch vom entscheidenden Schlag gegen Mikaela Shiffrin im Gesamtweltcup.
Der vierte Platz am Samstag liefert 50 Punkte, verkürzt den Rückstand auf die US-Amerikanerin auf 45 Zähler, doch die Rechnung ist gnadenlos: Bei Platz drei wären es 60 gewesen, zehn mehr, die genau die Differenz wären, die Aicher am Dienstag in Hafjell brauchen könnte, um Shiffrin noch einmal unter Druck zu setzen.
Kira weidle jubelt, aicher schluckt
Die Siegerin des Tages heißt Sofia Goggia, die sich mit Startnummer 1 in die Spur fräst und nie mehr abgibt. Dahinter schlägt Corinne Suter zu – die Schweizerin, die eigentlich nur „irgendwo vorne“ erwartet wurde, raubt Aicher weitere zehn Punkte. Und dann die deutsche Zweifront: Weidle-Winkelmann drückt als Dritte ihre Linie, Aicher folgt, sieht Grün, dann Rot – und bleibt Vierte.
„Ich gönne Kira alles“, sagt Aicher, aber ihre Stimme zittert ein bisschen. Denn sie kennt die Statistik: In Val di Fassa war sie ebenfalls eine Hundertstel weg – von Platz zwei in der Abfahrt. Addiert man die 20 Punkte, die sie dort liegen ließ, würde sie vor dem Finale mit 15 Zählern Rückstand reisen, nicht mit 45.

Shiffrin spielt pokern auf 60 km/h
Während Aicher nach jedem Hundertstel lechzt, steht Mikaela Shiffrin in der Startbuche – Startnummer 41, keine Punkte. Die 30-Jährige wagt sich nur zum dritten Mal diese Saison in einen Super-G, weil sie weiß: Jedes Rennen, das sie fährt, ist ein Schulterschluss mit dem Gesamtweltcup. Nach schweren Stürzen meidet sie die Speed-Disziplinen, doch hier in Norwegen reicht ihre blose Anwesenheit, um Aicher zusätzlich zu zwingen.
Die nächsten beiden Tage entscheiden. Riesenslalom und Slalom in Hafjell – Shiffrins Revier. Aicher muss angreifen, aber sie kann nur verteidigen. „Sie wird alles raushauen“, sagt Marco Büchel im ZDF, „aber Slalom ist eben Slalom.“

Die kristallkugel wird schwerer
Trotzdem: Aicher fährt bereits die beste Saison ihrer Karriere. Platz drei in der Super-G-Wertung, gestern Zweite in der Abfahrtswertung – das ist kein Trost, das ist ein Fundament. Doch Fundamente allein reichen nicht, wenn die Gegnerin Mikaela Shiffrin heißt und die Uhr auf 0,01 Sekunden genau steht.
Am Dienstag um 09.30 Uhr geht der erste Riesenslalom los. Dann zählt wieder jeder Schwung, jeder Hundertstel – und vielleicht das Glück, das Aicher in dieser Saison noch nicht hatte. Die Zahlen sind gnadenlos: 45 Punkte Rückstand, zwei Rennen, eine Gegnerin, die Slalom wie Kaffee trinkt. Die Geschichte ist offen – aber die Zeit läuft.
