Winzer doktor rast mit 53 jahren durch den rodel-weltcup
Stefan Doktor keltert morgens Riesling und donnert nachmittags mit 130 km/h über Eis. Der 53-jährige Wiesbadener ist der älteste Weltcup-Rodler der Geschichte – und fährt für die Slowakei, obwohl er hessischen Wein exportiert.
Von der traube zur kanone: wie ein winzer den eiskanal erobert
Im Schloss Johannisberg herrscht sonst Sektlaune. Doch als Doktor Anfang März mit Startnummer 42 auf dem Schlitten sitzt, verstummt sogar die Klapperschlange an der Bar. 53 Jahre, drei Kinder, ein Betrieb mit 15 Hektar – und trotzdem wagt er den Sprung in die Königsklasse. Platz 20 in St. Moritz. Kein Papst ist auf dem Petersplatz sicherer angekommen.
Die Faszination ist nicht der Adrenalinstoß, sondern das Gegenteil. „Wenn ich oben im Start liege, ist alles leise“, sagt er und klingt wie ein Mönch, der gerade die Glocke erfunden hat. Die Ruhe dauert 52 Sekunden. Dann ist er unten, Atem bläst weiße Wölkchen in die kristallene Luft, und das Thermometer seiner Lebensplanung fällt auf minus 15.
Zweimal knallte er gegen die Olympia-Norm, zweimal zerbarst der Traum. Frust? „Ich habe die Trauben geerntet und mich verheiratet“, erzählt er schulterzuckend. Klingt nach Ausstieg, war nur Pause. Vor zwölf Jahren kaufte er sich einen neuen Schlitten, stieg um fünf Uhr auf und um 23 Uhr ins Bett. Seitdem tickt parallel zur Gärdose ein zweites Herz.

Kein alkohol, kein netz, kein plan b
Während andere Winzer im Winter Probe zapfen, zapft Doktor sich mit Kurzhanteln. „Alkohol macht auf der Bahn schwerer als ein Kilo Blei“, sagt er. Deshalb bleibt das erste Glas Riesling bis nach St. Moritz im Keller. Seine Frau schmunzelt, die Kinder kennen nur Papa-Version 2.0: Helm statt Hut, Carbon statt Holzfass.
2028 soll die WM kommen, ob in Königssee oder in Paramonovo ist ihm egal. „Solange die Knie, die Löwen und meine Frau mitspielen, trete ich keine Flasche kaputt“, scherzt er. Keine Deadline, nur ein Ziel: Startnummer 53 beim Heimspiel der Könner – und vielleicht ein Platz, der sogar die slowakischen Verkoster stolz macht.
Am Gärtor hängt ein Zitat von ihm: „Wein wird besser im Fass, Menschen auf der Piste.“ Doktor lacht, zieht die Startbrille herunter. Dann saust er davon – und die Rheingauer Trauben wissen endlich, wie Riesling schmeckt, wenn er 130 km/h durch die Kälte fliegt.
