Winnie schäfers alb-traum iran: krieg statt kopfball

Klaus Schäfer, TSV Pelkum – Winnie Schäfer hat in den Straßen von Teheran mehr gesehen als Taktiken. Er sah, wie Frauen trotz Stadionverbot hinter dem Tor standen und ihre Lippen bewegten, als wäre es ein Gebet. Heute, sechs Jahre nach seinem letzten Training bei Esteghlal, klingelt das Telefon in seiner Badener Küche nicht wegen Transfergerüchten, sondern wegen Bomben. „Die Jungs schreiben: ‚Coach, wir haben kein Wasser mehr‘, und ich sitze hier mit einem Kasten Bier, der mir im Hals stecken bleibt.“

Der coach, der keine taktik gegen panzer kennt

Früher analysierte er Gegner mit iPad und Kaffee, jetzt analysiert er Satellitenbilder. Schäfer, 75, spricht nicht in PR-Sätzen, sondern in Sekundenbruchteilen der Verzweiflung. „Wenn du drei Jahre lang jeden Morgen um fünf Uhr mit dem Physio Farsi gelernt hast, ist das nicht ‚Fernweh‘, das ist Familie.“ Die WhatsApp-Gruppe „Esteghlal Staff 2018“ lebt noch – manche Profile sind schwarz geworden, andere senden Standorte aus Kellerlöchern. „Das letzte Video: ein Keeper, der seine Tochter auf den Schultern trägt und singt ‚Ey Vatan‘, während draußen die Sirene heult. Ich schicke ihm Fußballübungen, er schickt mir Bilder von zerbrochenen Fenstern. 1:0 für das Leben, sage ich. Aber wer pfeift hier ab?“

Schäfer erzählt, wie der Verein ihm nach dem Auswärtssieg in Isfahan eine Kiste Pistazien schickte – mit einem Zettel: „Für den deutschen Bruder, der nicht wegguckt.“ Heute würde dieselbe Straße nach dem Spiel von Tränengas schwelen. „Ich kenne die Gesichter hinter den verschleierten Frauen, die jetzt auf den Videos laufen. Ich habe ihnen Beinschlingen erklärt, sie haben mir erklärt, warum Grün die Hoffnung und nicht die Farbe des Regimes ist.“

Der ball rollt nicht mehr, die lügen schon

Der ball rollt nicht mehr, die lügen schon

Er lacht kurz, wenn er an die Pressekonferenz nach dem 1:0 gegen Al-Sadd erinnert: „Da fragte mich ein Journalist, warum ich keine Politik kommentiere. Ich sagte: ‚Ich bin Fußballtrainer, kein Marschall.‘ Heute wäre das eine Ohrfeige wert.“ Denn der Fußball war nie nur Fußball. Esteghlal steht für den „besseren Iran“, Persepolis für die Staatsraison. „Unsere Kabine war ein Miniat-Iran: Aserbaidschaner, Kurden, Perser – alle hatten sie dieselbe Angst vor dem Geheimdienstspion neben der Massagebank.“ Nach jedem Sieg musste die Mannschaft ein Dankelied an die „Führung“ singen. „Die Jungs haben sich die Worte auf den Händen notiert, damit sie ‚Velayat‘ nicht versehentlich mit ‚Verrat‘ verwechseln.“

Der Schiri pfeift nicht mehr ab, die Revolutionsgarden schon. Schäfers ehemaliger Co-Trainer Ali schickt Sprachmemos, Atem geräuschvoll: „Coach, sie nehmen uns die Schuhe weg, weil wir laufen könnten.“ Und dann das Foto: ein verschmiertes Esteghlal-Trikot als Verbandsmaterial. „Ich habe 200 Trikots im Keller. Ich schicke sie per Post, aber DHL liefert nicht mehr in die Zone ‚Tod‘.“

Die nationalhymne als waffe – und als wunde

Die nationalhymne als waffe – und als wunde

Bei der WM in Katar schwieg die iranische Mannschaft während der Hymne. Deutsche Kommentatoren nannten es „Mut“. Schäfer schüttelt den Kopf: „Mut ist, wenn du weißt, dass deine Schwester danach verhaftet wird.“ Er kenre die Druckrufe aus dem Innenministerium: „Singt, oder eure Familien verlieren den Pass.“ Die Frauen-Nationalmannschaft schwieg im ersten Spiel, sang im zweiten. „Die Fans im Stadion buhten. Aber ich kenne diese Frauen – sie haben Tränen geschluckt, bis der Hals blutete.“

Schäfers Hoffnung klingt wie ein Abseits, das der Linienrichter übersehen hat: „Wenn der Ball wieder rollt, rollt vielleicht auch eine Frau durch den Sturm.“ Bis dahin bleibt nur die WhatsApp-Gruppe. Heute Nacht schickte der ehemalige Kapitän ein Emoji: eine Kerze. Winnie antwortete mit einem Ball. „Weil irgendwann wieder gespielt wird. Und wenn nicht auf dem Rasen, dann in unseren Köpfen.“

Er beendet das Gespräch nicht mit einer Phrase, sondern mit einem Datum: „Am 22. März hätte Esteghlal gegen Persepolis gespielt. Ich werde mir ein Trikot anziehen, ein Bier öffnen und laut Kommentar sprechen – für die, die kein Stadion mehr haben.“ Dann legt Winnie Schäfer auf. Das nächste Satellitenbild zeigt Rauch. Aber irgendwo zwischen den Trümmern liegt ein Fußball, halb aufgeplatzt, aber rund. Und das reicht.