Wie uerdingen 1986 aus 1:3 ein 7:3 machte und ganz deutschland verrückt spielte

40 Jahre später klingt es noch wie ein Komplott der Fußballgötter: 1:3 zur Pause, 7:3 beim Abpfiff – und dazwischen 45 Minuten, die Bayer Uerdingen in die Geschichtsbücher schraubten und Dynamo Dresden in den Wahnsinn. Am 19. März 1986 drehte ein Provinzklub aus Krefeld den großen Bruder aus der DDR in einem deutsch-deutschen Viertelfinal-Rückspiel des Europapokals der Pokalsieger ab. Die Grotenburg wurde zur Arena des Wahnsinns, die Funkel-Brüder zu Doppel-Heldenn.

Die kabine kochte, niemand wollte dieses bild abgeben

Friedhelm Funkel erinnert sich schaudernd: „Bis dahin war es eine Katastrophe.“ Die Niederlage im Hinspiel 0:2, das 1:3 zur Pause – für viele Fans war die Heimreise schon angetreten. Doch in der Umkleide sprach sich durch: „So können wir nicht vom Platz gehen.“ Wolfgang Funkel nahm den Elfmeterpunkt ins Visier, traf zum 2:3, und plötzlich glaubte selbst das letzte Kind auf der Tribüne ans Wunder.

Was folgte, war keine taktische Glanzleistung, sondern Rasenbrand. Uerdingen spielte sich in einen Rausch, Dresden wirkte wie unter Schock. Zweiter Elfmeter Funkel – 6:3. Die Uhr zeigte 80. Minute, die Stimmung war längst auf Kochtemperatur. „Vor dem zweiten Elfmeter hatte ich schon ein bisschen Angst“, sagt Wolfgang Funkel heute. Tränen der Erschöpfung, nicht der Trauer. Seine Lunge brannte, das Stadion auch.

Die nacht, in der prämien und grenzen fielen

Die nacht, in der prämien und grenzen fielen

Bayer-Präsident Arno Eschler zog spontan die Prämie von 7 000 auf 10 000 Mark hoch – für einen Amateurverein ein Vermögen. Die Spieler feierten in der Kabine mit ein paar Flaschen Bier, zogen dann in die Stamm-Pizzeria, „es ging sehr lange, sehr, sehr lange“, sagt Friedhelm Funkel. Die Party dauerte bis in den frühen Morgen, die Erinnerung bis heute.

Dresden dagegen verlor mehr als ein Spiel. Frank Lippmann blieb nach dem Schlusspfiff in der BRD, bei Verwandten in Nürnberg. In der DDR sprach man schnell von „Verrat“, die Karriere des Außenstürmers war gelaufen. Auch Ulf Kirsten und Matthias Sammer, damals 20 und 18, mussten die Demütigung verdauen. Der Traum vom Europapokal-Endspiel zerbarst in 45 Minuten.

Im Halbfinale war Atlético Madrid Endstation, doch das interessierte kaum noch. Uerdingen hatte sich für immer in die Fußballseele gebrannt. Das „Wunder von der Grotenburg“ wurde vom Magazin 11Freunde zum größten Spiel der Geschichte gekürt. Wer damals die frühe Heimreise antrat, ärgert sich heute noch. Und wer blieb, erlebte, wie Sport eben doch das Unmögliche möglich macht – ohne Warnung, ohne Limit, ohne Gnade.