Wie ein freundschaftsspiel vor 20 jahren den dfb beinahe spaltete
1. März 2006, Florenz, 20.48 Uhr: Luca Toni köpft zum 2:0 ein, die deutsche Abwehr wirkt wie vertagt, und im Fernsehzimmer von Reinhold Beckmann platzt der Kragen. „Es wird jetzt Kritik hageln – und die ist auch berechtigt“, donnert der ARD-Experte ins Mikro. Er ahnte nicht, wie sehr diese Niederlage die Republik in Aufruhr versetzen würde.
Vier Monate vor dem eigenen WM-Turnier kassierte Jürgen Klinsmann eine 1:4-Klatsche gegen Italien. Was folgte, war kein gewöhnlicher Sportlerärger, sondern ein nationales Drama mit Polit-Poker, Rücktrittsforderungen und dem ersten Einsatz des Begriffs „Sommermärchen“ als Zynismus. Der damalige Bundestrainer hatte sich mit seiner Startelf in die Nesseln gesetzt: Per Mertesacker kam trotz fehlender Spielpraxis, Robert Huth trotz mangelnder Form. Christian Wörns blieb zu Hause, schimpfte anschließend über „Nasen- statt Leistungsfragen“ und schoss sich damit endgültig aus dem Kader. Die Torwartfrage schwankte zwischen Jens Lehmann und Oliver Kahn, während der Coach selbst kurz vor Anpfiff ein Krisengespräch mit Sportdirektor Matthias Sammer führte – 90 Minuten lang, so hört man.
Die schmach von florenz wurde zum katalysator
Die Presse spielte verrückt. Bild titelte „Mamma mia, sind wir schlecht“, Süddeutsche diagnostizierte „Totalschaden in Florenz“, Stern sprach gar von „Schande“. Im kicker fiel Klinsmann auf 3,21 ab, ein halbes Jahr zuvor noch hatte er die glatte Zwei gehabt. 50 Prozent der Leser glaubten im Mai 2005 noch an den Titel, nach Florenz nur noch 20,4. Der Focus zog die schärfste Waffe: „Ein Träumer, der mehr Guru ist als Stratege.“ Selbst der Bundestag wollte ihn befragen – CDU, SPD, FDP forderten Aufklärung. Norbert Barthle (CDU) verlangte schriftlich: „Er soll dem Sportausschuss erklären, wie er Weltmeister werden will.“
Klinsmann reagierte auf kalifornische Art: Er flog mit seiner Mutter zurück nach Los Angeles, ließ die Politiker abblitzen und antwortete Bild per E-Mail. Franz Beckenbauer tobte öffentlich: „Der Bundestrainer des Gastgeberlandes hätte beim FIFA-Workshop erscheinen müssen.“ Für viele war das der Beweis: Der Reformtrainer lebt in einer Parallelwelt. Doch das Narrativ schlug um, schneller als gedacht.

Aus schmach wurde selbstvertrauen
Intern ließ Klinsmann die Wunden offen. Er stellte um, setzte auf Athletik-Coaches, Mentaltrainer und ließ die Mannschaft morgens joggen statt nachmittags. Die Spieler, die in Florenz baden gegangen waren, trugen später Trikots mit eingestickten Silberstreifen – Symbol für Geschwindigkeit. Philipp Lahm sagte später: „Wir haben gelernt, dass eine Niederlage wehtun darf, aber nicht lähmen muss.“
Am 9. Juni standen elf Akteure auf dem Platz, die schon in Florenz beim 1:4 dabei waren. Sie schlugen Costa Rica 4:2, starteten ein Turnier, das die Republik vereinte. Das Sommermärchen war geboren, und als Deutschland nach spektakulären Spielen im Halbfinale erneut an Italien scheiterte, wollte plötzlich jeder, dass Klinsmann blieb. Er lehnte ab – sein Projekt war erfüllt, seine Mission beendet. Der Bundestag bekam nie seine Antwort, aber das Land bekam etwas Besseres: den Glauben, dass auch eine 1:4-Pleite nur eine Richtungsänderung sein kann.
