Wicker schmeißt sich im schneeregen aufs podest und träumt schon von paris

20 km Schneeregen, 54,1 Sekunden Rückstand, ein Silber, das klingt wie Bronze und ist trotzdem die vierte Medaille für Anja Wicker – innerhalb von neun Tagen. Die 34-Jährige aus Stuttgart raste gestern im Langlauf-Finale der sitzenden Klasse an Oksana Masters vorbei und schraubte ihre Paralympics-Bilanz auf sieben Edelmetalle. Die Gold-Sotschi-Siegerin von 2014 hat jetzt auch Silber im Langlauf – ein Sport, den sie vorher nur aus Biathlon-Trainingsrunden kannte.

Der zwanzigste kilometer war ihr freund

Wicker lag 15 km lang auf Rang vier, hinter der US-Großmacht Masters und der südkoreanischen Spitzenläuferin Kim Yunyi. Dann ging der Motor in ihem Rennschlitten auf Turbo. „Ich habe einfach nochmal zugelegt, weil mir meine Skispur perfekt lag und die Beine noch mal geantwortet haben“, sagte sie nach dem Rennen im Mix-Zone von Tesero. Das klingt lapidar, war aber die Kehrtwende von Bronze zu Silber. Masters, sonst die Unangefochtene, musste sich mit Bronze begnügen. Kim blieb unerreichbar vorne, doch das war Wicker egal – sie hatte ihren Traum eingetütet.

Die Deutsche hatte keine Erwartungen mit in das Rennen genommen, wie sie betonte. Der Schneeregen hatte die Strecke rutschig gemacht, die Sicht war miserabel. „Vom ersten Meter habe ich mein Tempo gefunden, der Ski ist gelaufen“, sagte sie und lachte dabei, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. Für sie ist das der Lohn für ein Jahr, in dem sie nach ihrer Bronzemedaille im Biathlon-Sprint direkt umstellte: mehr Langlauf-Technik, längere Dauerläufe, neue Wachstests. Der Plan ging auf – und wie.

Deutsches team sammelt silber wie wintermünzen

Deutsches team sammelt silber wie wintermünzen

Mit Wickers Silber steht das deutsche Kontingent bei vier Silber- und einer Bronzemedaille im Langlauf. Mehr ging nicht, aber auch nicht weniger. Marco Maier, sonst Dauerpodest im Biathlon, verpasste in der stehenden Klasse als Siebter die Krönung. Der Allgäuer fehlten 1:27 Minuten auf Bronze – eine halbe Ewigkeit auf 20 km. Dafür hatte er vorher mit der Staffel bereits Silber geholt. Auch Kathrin Marchand musste sich nach ihrem Kollaps am Vortag mit Platz zehn begnügen. Die Skating-Technik ist ihr ungeliebt, das zeigte sich: 11 Minuten Rückstand auf Sydney Peterson aus den USA.

Die Sehbehinderten blieben erneut ohne Podest. Lennart Volkert wurde Vierter, acht Sekunden fehlten. Linn Kazmaier und ihr Begleitläufer Florian Baumann kamen als Fünfte ins Ziel, doch die Entscheidung fiel schon nach Kilometer fünf zugunsten der Russin Anastasija Bagijan. Für das deutsche Team bleibt dennoch ein Fazit: vier Silber, zwei Bronze – mehr Medaillen als vor vier Jahren in Peking.

Der blick geht nach paris – und auf 2026

Wicker kündigte an, weitermachen zu wollen. „Ich habe keine Worte mehr, aber ich habe noch Lust“, sagte sie und schob ihr Silber schützend unter der Jacke verschwindend. Die 34-Jährige will nun die Sommerpause nutzen, um sich auf die Weltmeisterschaften 2025 vorzubereiten – und auf die Paralympics 2026 in Mailand-Cortina. Dort will sie nicht nur Biathlon fahren, sondern auch wieder über die Langdistanz angreifen. Die Konkurrenz schläft nicht: Masters wird zurückkommen, Kim auch. Aber Wicker hat jetzt den Geschmack von Silber auf der Zunge – und den Flow im Rücken.

Die deutsche Delegation reist morgen ab, aber die Geschichte von Tesero ist noch lange nicht zu Ende. Sieben Medaillen, ein neuer Sport, ein alter Kampfgeist. Wer jetzt denkt, dass Silber nur zweiter Platz ist, hat Wickers Lächeln nicht gesehen. Für sie ist es die Krönung eines Traums, der 2014 in Sotschi begann und 2026 vielleicht endlich wieder Gold wird.