Warum tennis italiens neue nummer eins ist – und der fußball nur noch zusieht

Jannik Sinner schlägt die Herzen Italiens im Takt eines Return-Winner. Doch bevor er überhaupt die Höhe der Top 10 erreichte, hatte das Land schon längst umgeschaltet: mehr Beton in den Akademien, mehr Euro in die Jugend, mehr Hirnschmalz in die Trainerausbildung. Das Ergebnis liest sich wie ein Blitz-Score: Tennis ist laut CONI-Marktstudie 2024 die zweitbeliebteste Sportart, nur noch hinter dem Fußball – und der rutscht mit jedem verpassten Weltturnier tiefer in die Tabelle der Gefühle.

Der milliarden-deal hinter dem aufschlag

Die Zahren sprechen lauter als jedes Grido auf dem Centre Court. Seit 2018 hat der Verband 72 Millionen Euro aus TV-Rechten, Sponsoring und Ticketeinnahmen direkt in den technischen Nachwuchs umgeleitet. 1.400 neue Plätze, 190 Fitnesstrainer, 67 Mentalcoaches. „Wir haben das Geld nicht verprasst“, sagt Verbandschef Angelo Binaghi, „wir haben es verzinst.“ Die Rendite: vier verschiedene italienische Spieler in den Top 30, ein Davis-Cup-Triumph, ein erstmals ausverkauftes Masters in Turin – und ein Hype, der sogar die Rai zur Prime-Time live schaltet.

Der Clou: Die Kids spielen nicht nur, sie schauen zu. Zwölf Prozent mehr Förderantragen in den Regionalligen, 38 Prozent mehr Mädchen-Teams. Während die Serie A um Zuschauer buhlt, muss der Tennis-Verband neue Trainingszeiten erfinden, weil die Plätze bis 22 Uhr belegt sind. „Wir haben aus der Fußball-Pause gelernt“, erklärt Jugenddirektor Flavio Pennetta. „Wenn ein Land drei Mal hintereinander eine WM verpasst, fragen sich die Eltern, ob ihr Sohn wirklich Messi oder nur der nächste Balotelli wird.“

Was der runde ball nie verstand

Was der runde ball nie verstand

Der Fall des runden Balls ist kein Schicksal, sondern ein Planungsfehler. Während der Tennisverband Cent für Cent in Strukturen steckte, verpulverte der Fußball Milliarden für Gehälter von Spielern, die ihre Bestzeit längst hinter sich hatten. Die Folge: ein verschuldetes Liga-System, veraltete Stadien, ein Nachwuchs, der sich in kleinen Turnieren versteckt. Die Zahlen des italienischen Olympia-Komitees zeigen, dass die Zahl der Fußball-Lizenzen seit 2019 um 11 Prozent gesunken ist – parallel zum Tennis-Boom.

Der nächste Schritt ist schon beschlossen: 2025 fließen weitere 25 Millionen in ein Projekt namens „Racchetta nelle scuole“. Ziel: 5.000 Schulen, 100.000 Schläger, unzählige junge Sinners in der Pipeline. Denn wer einmal die Kugel im Schlägerzentrum spürt, vergisst das Gefühl nie wieder. Der Fußball? Der kann weiter von Tiki-Taka träumen – während Italien endlich wieder gewinnt, nur eben mit Gelb statt mit Grün.