Vom giro-crash zum gravel-comeback: juri hollmann packt die hölle aus

67 km/h auf 0 – in einer Sekunde war aus Juri Hollmanns Traumform ein Lebensangriff. Der 26-jährige deutsche Radprofi schlug am 15. Mai 2025 auf der sechsten Giro-Etappe mit voller Wucht gegen ein Straßenschild, zertrümmerte sich Becken und Arm und verlor mehr Blut, als ein Körper eigentlich hergibt. Jetzt, zehn Monate später, sitzt er erstmals wieder auf dem Rad – allerdings auf Schotter und ohne Profivertrag.

Die nacht, in der alles explodierte

Es regnete in Strömen, der Asphalt war eine Eisbahn. Hollmann erinnert sich in einem YouTube-Gespräch mit Rick Zabel an den Moment, als er über die Vorderleute stürzte und ungebremst gegen das Metall prallte: „Mein Arm sah aus, als hätte jemand ein Puzzle fallen lassen. Und mein Becken – das war einfach weg.“ Die Ärzte in Neapel rechneten mit dem Schlimmsten, doch der Deutsche überlebte. Knapp. Dann kam die Lungenembolie. „Blutklumpen wie Kieselsteine“ blockierten beide Lungenflügel. Keine Vollnarkose, nur der halbe Schlaf zwischen Leben und Tod. „Diese Wärme, obwohl alles brannte – das ist keine Metapher, das ist Nahtod“, sagt er.

Vier platten, 24 schrauben, ein neues becken

Vier platten, 24 schrauben, ein neues becken

Die belgischen Chirurgen bauten ihn in einem 11-stündigen Eingriff wieder zusammen. Vier Titanplatten halten sein Becken, 24 Schrauben verankern Knochen, die nie wieder so heilen werden wie früher. Fünf Wochen Klinik, acht Wochen Reha, drei Monate Rollstuhl. „Ich habe so viele Medikamente bekommen, die Dopingkontrolle müsste heute noch klingeln“, scherzt er und lacht – ein Lachen, das sich anhört, als müsste man es erst wieder erlernen.

Kein team, kein vertrag – nur das rad

Kein team, kein vertrag – nur das rad

Die großen WorldTour-Mannschaften schwiegen, als er anrief. Stattdessen griff Canyon x DT Swiss All-Terrain Racing zu. Gravel-Rennen statt Grand Tours, Schotter statt Alpen. Hollmann nimmt es hin: „Ich habe meinen Anspruch runtergeschraubt. Es geht nicht mehr darum, zu gewinnen. Es geht darum, überhaupt wieder fahren zu können.“ Sein erster Start: Dirty Reiver in Großbritannien, 200 Kilometer durch Schlamm und Wind. Er wird nicht ganz vorne landen. Er muss auch nicht. Er ist dabei. Und das ist schon ein Sieg, der keiner auf der Ergebnisliste steht.