Völler schlägt im wm-camp den diplomatischen spagat: erinnert, attackiert und schweigt zugleich
Mit Turnschuhen unter dem Anzug und einem Lächeln, das nur halbwegs überzeugt, trat Rudi Völler vor die Mikrofone von Winston-Salem. Wenige Tage vor dem Eröffnungsspiel gegen Curaçao gab der DFB-Sportdirektor eine Pressekonferenz, die sich wie ein Seiltanz liest: mal mitreißend, mal abwiegelnd, immer aber spürbar zwischen Emotion und Pflicht gefangen.
Erinnerungen an querétaro und die erste wm vor 40 jahren
Als Völler davon sprach, vor vierzig Jahren sein erstes WM-Turnier in Mexiko erlebt zu haben, wurde seine Stimme leiser. „In Querétaro haben wir damals ein Waisenhaus besucht – die Zustände waren wirklich schlimm“, erinnert er sich. Aus genau jenem Besuch entstand die „Mexiko-Hilfe“, die bis heute Bildungsprojekte finanziert. Am Dienstag will Völler gemeinsam mit DFB-Präsident Bernd Neuendorf einen Scheck über 86 000 Euro überreichen. Symbolik pur, doch die Geste wirkt angesichts der Turbulenzen um das Turnier wie ein Rettungsring im Sturm.

Streitbare themen: iran-fans, abgewiesene schiris und die frage nach politik
Wenn Völler als diplomatisches Sprachrohr des Verbands agieren muss, verlässt ihn die Souveränität schlagartig. Auf die Frage, warum dem somalischen Schiedsrichter Omar Artan trotz FIFA-Garantie die Einreise verweigert wurde, antwortet er knapp: „Das ist nicht schön, aber wir können da nichts machen.“ Gleiches gilt für iranische Fans, denen angeblich Tickets entzogen wurden. Die US-Behörden schweigen, die FIFA duckt sich, und Völler? Er winkt ab: „Brauchen wir nicht“, sagt er zu möglicher politischer Unterstützung. Ein Satz, der in seiner Kälte schwerer wiegt als jede Entschuldigung.

Neuer, wirtz, musiala – alles halb so wild?
Bei sportlichen Fragen hingegen schaltet Völler sofort auf Optimismus-Modus. Manuel Neuer habe die Testspiele zwar verpasst, „aber keine Sorgen“. Florian Wirtz und Jamal Musiala? „Werden eine tolle WM spielen.“ Die Phrasen klingen wie aus dem PR-Baukasten, doch der 64-Jährige weiß: Ein positives Grundrauschen ist das beste Gegenmittel gegen Lagerkoller und Mediendruck.

Winston-salem statt malente – und die angst vor 1990
Und dann dieses Quartier in Winston-Salem. „Niemand will nach Malente“, scherzt er über die Sportschule, in der die Nationalmannschaft 1974 residierte. Damals, so erinnert er sich, „hatten wir kein Internet, keine Handys, kein deutsches Programm“. Heute hingegen hätten die Spieler alles – bis hin zur Verfolgungsjagd von O.J. Simpson, die er 1994 am Eröffnungsspiel-Tag live verfolgte. „Nackte Kanone“, lacht er, doch der Gedanke an den späteren Mordprozess hängt wie ein Schatten über dem Saal.
Völler verlässt die Bühne, das Lachen verebbt. Im Rücken summt das Mediengewirr, vor ihm wartet der Flieger nach Mexiko. Ob er diesmal wieder Geschichte schreibt oder nur alte Geschichten wiederholt, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Eines steht fest: Diese WM wird nicht nur über Tore entschieden.
