Vingegaard zieht mit alpen-triple die pink-jacke an – giro hat einen neuen herrscher

Jonas Vingegaard hat gesprochen – und wer ihm widerspricht, verliert sofort den Anschluss. Nach 3.435 Höhenmetern und fünf Passagen im Aostatal trägt der Däne zum dritten Mal die Maglia Rosa, und das, ohne dass ein Rivale auch nur den Versuch wagte, seinen Attacken zu folgen.

Blockhaus, corno alle scale, pila: die dreifaltigkeit seiner vorherrschaft

Seit dem ersten Bergetappen-Triumph in den Abruzzen wiederholt sich ein Bild: Vingegaard tritt aufs Pedal, das Feld zerfetzt sich wie altes Papier. 16,6 Kilometer mit durchschnittlich sieben Prozent in Pila – für den 38-Jährigen ein Fitness-Test, für die Konkurrenz ein Martyrium. Am Fuß der Steigung ließ Visma-Lease a Bike das Tempo auf 23 km/h in Abschnitten von acht Prozent explodieren. Favoriten schauten sich an, verdrängten Laktat, verdrängten Hoffnung.

Die Fluchtgruppe, 24 Fahrer stark, wurde 4,5 Kilometer vor dem Ziel verschlungen. Enric Mas, der sich zuvor aus der Lauerposition befreit hatte, musste einsehen: „Ich wollte die Etappe gewinnen, aber gegen diese Maschine kommt man nicht an.“ Die UAE-Emirate-Rekruten, die das Rennen zuvor kontrollierten, sahen ihre Strategie wie Kartenhäuser einstürzen.

Visma schaltet die häcksler-methode ein

Visma schaltet die häcksler-methode ein

Die Prozedur ist längst Standard: Sepp Kuss peitscht das Feld auf dem Lin Noir (7,4 km à 7,9 %), dann übernimmt Wilco Kelderman den Verdienst auf dem Verrogne (5,6 km à 6,9 %). Was folgt, ist reine Mathematik: Fünf Bergwertungen, 4.350 Höhenmeter, 138 Kilometer. Wer die Vingegaard-Gruppe verliert, verliert Minuten, nicht Sekunden. So geschehen mit Einer Rubio, so geschehen mit Alessandro De Marchi, der kurz vor Schluss wie ein aufgezogener Vorhang auseinanderfiel.

Am Ende stand eine Lücke von 1:48 Minuten auf Felix Gall – ein Rückstand, der wie eine Ewigkeit aussieht, aber in Wahrheit das Beste ist, was der Österreicher in dieser Woche noch erreichen kann. Gall und Thymen Arensman liefern sich nun ein Duell um Platz zwei – ein Trostpoker, während Vingegaard längst auf Konsolidierung schaltet.

Hitze statt schneegestöber: das thermometer schlägt 30 grad

Hitze statt schneegestöber: das thermometer schlägt 30 grad

Nach den sintflutartigen Tagen in Kalabrien prallte das Rennen ins Aostatal – und die Wetterwende fühlte sich wie eine Ohrfeige an. Die ewigen Schneekappen von Monte Emilius und Becca di Nona vermochten die Gluthitze nicht zu kaschieren. Wasserflaschen schmolzen, Asphalt glühte, und wer nicht in Position fuhr, verlor abrupt die Souveränität über sein Tempo.

Die Zahlen sind eindeutig: Drei Etappensiege bedeuten drei Tage in Rosa, 3:17 Minuten Vorsprung auf den Zweitplatzierten, null Sekunden Defizit im Kampf gegen den Chronometer. Pogacar? Der slowenische Supernova fehlt, und seine Abwesenheit verwandelt den Giro in ein Schachspiel ohne König. Die Fluchtfahrer, darunter Stefano Oldani og Derek Gee, beten nun um Etappenregal – doch Vingegaards Visma schaltet auch hier den Turbo, sobald die Pisten steigen.

Zum ersten Mal seit 1992 kehrte der Pila-Pass als erste-Kategorie-Anstieg zurück – und wurde zur Bühne einer Demonstration. 4,6 Kilometer vor dem Ziel löste der zweimalige Tour-de-France-Sieger seinen Endspurt aus. Kein Blick zurück, kein Gefälle-Bluff, keine Körpertäuschung. Nur ein Ruck, dann war die Luft raus aus dem Feld.

Am Ende blieb eine Erkenntnis: Wer den Giro 2024 gewinnen will, muss Jonas Vingegaard entweder verletzen oder auf dessen berüchtigte Schlechtwetter-Tage warten – und die scheinen diesmal auszubleiben. Die Alpen haben gesprochen: Der neue Herr trägt Pink.