Vingegaard rast über den blockhaus – doch der giro ist längst nicht gelaufen

Jonas Vingegaard schlägt endlich zu. Nach 2.171 Kilometern ohne Etappensieg im Rosa-Trikot jagt der Däne auf dem Blockhaus seine erste italienische Krone. Die Visma-Leichtbau-Maschine stampft in 10,2 Kilometern 806 Höhenmeter hinauf, lässt Felix Gall 20 Sekunden zappeln und schickt Emanuel Buchmann auf fast drei Minuten. Rom ist noch 2.400 Kilometer entfernt – und trotzdem flüstert schon wieder jemand „Game over“. Vergessen die, was der Giro sonst noch so kann?

Warum viele jetzt schon vingegaard auf dem podium in rom sehen

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Zweimal Tour-Sieger, einmal Vuelta-Sieger, jetzt die erste Giro-Etappe – mehr fehlt nicht zur Triple Crown. Die restlichen Bergetappen in den Marken und auf dem Corno alle Scale dürften seinem phänomenalen Bergvermögen entgegenkommen. Dienstag rollt die flache Einzelzeitfahrt durch die Toskana – sein Lieblingsformat. Und im Aufgebot der Niederländer stehen noch Victor Campenaerts, Sepp Kuss und il piccolo Matteo Piganzoli, bereit, Tempo zu reißen oder Konter zu geben. Adam Yates und Santiago Buitrago liegen bereits in der ewigen Abstellkammer der Ausgeschiedenen, Bernal kassierte heute eine Schelle von 2:45 Minuten. Das Kalkül scheint aufzugehen.

Doch der Giro ist kein Excel-Tabellen-Wettkampf. Er ist ein Drehbuchschreiber mit Hang zu blutigen Plot-Twists.

Die fallen, die vingegaard noch zerbeißen könnten

Die fallen, die vingegaard noch zerbeißen könnten

Felix Gall ist kein Nebenmann, sondern ein steirischer Hochgenuss. 20 Sekunden Rückstand klingen nach einer Runde Spielraum, nicht nach einem Grab. Red Bull-Bora schickt nicht nur Antonio Pellizzari ins Rennen, sondern auch Jai Hindley – Australier, Giro-Sieger 2022, frisch geölt. Und dann ist da noch die Geschichte. Seit 1909 schreibt der Giro Dramen: Schnee im Mai, Strecken-Sperrungen, Sturz-Orgien, kontaminierte Hütten, verlorene Rosa-Trikots auf der letzten Verbindungsfahrt. Wer hier zu früh jubelt, verliert – das lernte schon Miguel Indurain 1994, als er drei Wochen lang dominierte und dann auf einer Seidenstraße namens Passo di Monte Croce abstürzte.

14 Etappen bis Rom. Das reicht für zwei Wetterkatastrophen, einen positiven Doping-B-Probe-Skandal und mindestens einen Hügel, der Vingegaards Visma-Getriebe blockiert. Die Rose sitzt locker, sie kann wehen – und sie kann stechen.

Kurz: Der Blockhaus-Sieg ist kein Schlusspunkt, sondern ein Komma. Wer den Giro kennt, weiß: Die Stunde der Wahrheit schlägt erst, wenn der Asphalt brüllt und die Beine flüstern. Bis dahin darf niemand einschlafen – auch Jonas Vingegaard nicht.