Verstappen kocht: „jede runde ist reines überleben“ – shanghai-slapstick statt siegesfahrt

Max Verstappen schlägt mit der Faust auf das Carbon – und spricht aus, was paddockweit höchstens geflüstert wurde: Der viermalige Weltmeister ist mit seinem Red Bull RB22 kurz vor dem Ausraster. Startplatz acht in Shanghai, fast eine Sekunde hinter Kimi Antonelli, dem neuen Mercedes-Wunderknaben. „Jede Runde ist für mich ehrlich gesagt ein Kampf ums Überleben. Ich habe überhaupt keinen Spaß daran“, knallt der 28-Jährige in die Mikros.

Die Zahlen sind gnadenlos: 0,926 Sekunden Rückstand auf Antonelli, 0,7 Sekunden auf Lando Norris in seinem McLaren. Red Bull, einst der Maßstab in Sachen Aerodynamik, rutscht ab auf Platz vier des Konstrukteursrankings. „Nichts funktioniert. Das ist einfach nicht schön“, sagt Verstappen und klingt dabei, als rede er über ein defektes Kaffeemaschine, nicht über ein 15-Millionen-Rennboliden.

Neue regeln, alte probleme: die seitenwinder treffen red bull doppelt

Teamchef Laurent Mekies spricht offen von „fundamentalen Schwächen“. Der Grund: Die überarbeitete Bodengruppe, die eigentlich mehr Abtrieb bringen sollte, erzeugt unter dem neuen Reglement turbulente Luftströme. Resultat: Instabilität in schnellen Kurven, vernichtender Reifenverschleiß, ein Fahrverhalten, das Verstappen beschreibt als „Fahren auf nasser Straße – bei Sonnenschein“.

Die Ingenieure probieren Setup-Tricks: flachere Flügelanstellwinkel, modifizierte Diffusoreingänge, sogar ein Rückfall auf das alte Unterboden-Design von Melbourne. Fehlanzeige. „Egal, welche Runde ich fahre, denke ich mir immer: Das war’s schon? Kann ich vier Zehntel schneller fahren? Vielleicht? Kann ich vier Zehntel langsamer fahren?“, gibt Verstappen die mentale Felsblockade zu.

Die Konkurrenz jubelt still. Mercedes hat mit Antonelli und George Russell zwei Fahrzeuge in der ersten Startreihe. Ferrari-Motorsportchef Jérôme d'Ambrosio lächelt süffisant: „Wer ruht, rostet – das zeigt sich jetzt.“ McLaren setzt auf ein bodenfreies Upgrade-Paket, das in den Freitagstrainings bereits 0,3 Sekunden herausholte. Red Bull? Stottert mit einem provisorischen Mix aus Alt- und Neuteilen hinterher.

Der große preis von china wird zur zitterpartie – und verstappen zur boxengassen-zielscheibe

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Der zweite Saisonlauf startet Sonntag um 8.00 Uhr MEZ. Verstappen war in Melbourne noch Sechster geworden, nachdem er sich vom zwölften Startplatz durchs Feld gekämpft hatte. Doch Shanghai ist kein Albert-Park-Kurs. Die 1,2 Kilometer lange Full-Throttle-Sektion zwischen Schikane 7 und 13 verlangt nach stabilem Heck und Top-Speed. Beides mangelt dem RB22.

Blickt man auf die Long-Run-Daten vom Freitag, landet Verstappen im Schnitt 0,8 Sekunden hinter Russell – pro Runde. Bei 56 Runden macht das rund 45 Sekunden Rückstand. Red Bull rechnet intern mit einem fünften Platz als bestmöglichem Resultat. „Es ist einfach unglaublich schwer“, sagt Verstappen und seine Stimme kratzt. „Wir müssen an die Grundstruktur des Autos ran. Das dauert.“

Die Fans diskutieren bereits, ob Verstappen 2026 vorzeitig aus dem Vertrag steigt. Helmut Marko winkt ab: „Max bleibt. Aber wir liefern jetzt keine Monologe mehr, wir liefern Lösungen.“ Die Uhr tickt: In zwei Wochen liegt Jeddah vor der Tür, ein Hochgeschwindigkeits-Kurs, auf dem Aero-Effizienz König ist. Wenn Red Bull dort erneut eine Sekunde fehlt, könnte Verstappens Titelverteidigung vor dem Frühsommer zur Nebensache verkommen.

Shanghai wird zur Geduldsprobe. Antonelli feiert seinen ersten Pole, Mercedes die Trendwende – und Verstappen? Er stapft mit gesenktem Helm zurück zur Garage, murmelt: „Wir fahren nicht mehr, wir schwimmen.“ Die nächste Runde wird wieder ein Kampf. Ohne Netz, ohne Spaß, aber mit dem Druck, endlich wieder ans Limit zu kommen, bevor die Saison zum Horrorfilm wird.