Verstappen droht mit rückzug: „diese autos machen keinen spaß mehr“
Max Verstappen schleicht durch das FIA-Pressezelt in Shanghai wie ein Gefangener, der seinen Anwalt sucht. Vier Titel, 61 Siege – und trotzdem klingt seine Stimme wie bei einem Rookie, der gerade erfährt, dass er kein Cockpit bekommt. „Ich will nicht weg, aber ich will auch nicht so weitermachen“, sagt er und meint damit nicht nur die 0-Prozent-Batterie seiner RB20 beim Start in Melbourne.
Im nürburgring sucht er das, was ihm die formel 1 nimmt
Am Samstag bestätigt er: Er fährt die 24 Stunden. Nicht als PR-Gag, sondern als Flucht. „Da herrscht Oldschool-Atmosphäre, weniger Politik, mehr Racing.“ Die Formel 1 sei „zu sehr Mario Kart“ geworden, kontert er Charles Leclercs Vergleich mit einem trockenen Lächeln. „Ich hab meinen Simulator gegen eine Nintendo Switch getauscht – passt.“
Die Zahlen sind gnadenlos. 0,7 Sekunden Rückstand auf Ferrari in Melbourne, 1,2 auf Mercedes. „Fünfter Platz war das Maximum, mehr war nicht drin“, sagt er und klingt dabei wie ein Mechaniker, der weiß, dass er das Aggregat nicht mehr retten kann. Red Bull-Chefingenieur Paul Monaghan hatte vor dem Flug nach China noch von „Potenzial“ gesprochen. Verstappen versetzt dem Wort mit einem Schulterzucken die Todesstoß-Definition: „Potenzial ist Luft, wenn du sie nicht nutzen kannst.“
Er spricht mit Stefano Domenicali, spricht mit der FIA. „Wir arbeiten daran“, sagt er, klingt aber nicht so, als glaube er daran. Die neue Aero-Regel, die 2026 wieder mehr an Downforce kosten soll, ist für ihn „ein Pflaster auf einem offenen Bruch“. Das Problem sitzt tiefer: Die Hybrid-Monster mit 1.000 PS sind zu schwer, zu träge, zu abhängig von Software-Updates. „Wenn du Start-Speed brauchst und die Batterie leer ist, bist du nicht nur langsam – du bist ein Rolling Chicane.“
Die Drohung ist unterschwellig, aber messerscharf. „Ich will nicht mit 40 in Le Mans anfangen, sondern jetzt.“ Seine Managerin Raymond Vermeulen sitzt zwei Meter weiter und starrt auf ihr Handy – sie kennt diesen Ton. 2020 drohte er schon einmal, nach Honda-Ausstieg nachzuziehen. Damals half ein neuer Motor. Diesmal ist der Motor das kleinere Problem.
Die königsklasse verliert ihren könig – und merkt es noch nicht
Verstappen ist 26, im Zenit, und spricht wie ein Veteran. „Ich hab alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt.“ Das klingt nicht arrogant, sondern wie die nüchterne Feststellung eines Buchhalters. Die Formel 1 feiert Rekorde, doch ihr größter Star feiert die Serie nicht mehr mit. Stattdessen zitiert er Ayrton Senna: „Wenn du nicht mehr mit Leidenschaft fährst, fährst du nicht mehr – du überlebst nur.“
Am Sonntag wird er wieder starten, wieder Vollgas geben, wieder punkten. Aber wer genau hinsieht, erkennt den Unterschied: Er schaut nicht mehr in die Runde, wenn er die Box verlässt. Er schaut nach vorn – Richtung Nürburgring, Richtung Le Mans, Richtung Freiheit. Die Formel 1 hat ihren Champion noch. Doch der Champion sucht schon den Ausgang. Und diesmal meint er es ernst.
