Var versaut jedes wochenende – lieberknecht fordert radikalen schlussstrich
Kaiserslautern – Was für ein Trauerspiel. 1:2 gegen Paderborn, die Aufstiegsträume zerplatzen, und Torsten Lieberknecht ballt die Faust. „Ich plädiere für die Abschaffung des VAR“, donnert der FCK-Coach. Der Satz klingt wie ein Schuss, der durch die Liga geht. Denn wer denkt, dass nur der Traditionsklub betroffen ist, irrt. Woche für Woche verbiegt der Videobeweis den Fußball. Er macht Linesmen unsichtbar, Schiris zu Komparse, Fans zu Wutbürgern. Und kein Ende in Sicht.
Handspiel, abseits, foul – lotterie statt linie
Die Taktik ist klar: Hauptsache überprüfen. Ob Stuttgart in Gladbach einen Elfmeter kassiert und zwei Spieltage später in Hamburg bei identischer Szene leer ausgeht, spielt keine Rolle. Die Linie fehlt, die Logik sowieso. Selbst kalibrierte Linien liefern nur neue Rätsel: War’s der Zeh oder die Schulter? Wann genau kommt der Pass? Die Bilder erklären nichts, sie vernebeln. Und die Zeit, die vergeht, während Uhr und Emotion stillstehen, reißt ein Loch in jeden Jubel.
Der VAR war einst Retter in der Not, nun ist er Spielverderber. Ursprünglich sollten nur klare Fehler korrigiert werden. Heute wird jede Zweikampfberührung geröntgt, jedes Tor auf Spurensuche analysiert. In Kaiserslautern dauerte es Minuten, bis Exner seinen Entschluss verkündete. Die Kurve verstummte, die Spieler standen hilflos. So entsteht kein Vertrauen, nur Frust. Ermedin Demirovic hatte in zwei Partien drei Buden annulliert bekommen – wegen „Knöchel-Abseits“. Sein Kommentar: ein müdes Lächeln. Der Humor ist bitter nötig, sonst würde er platzen.

Mehr macht für köln – weniger autonomie auf dem platz
Künftig bekommt der Mann im Keller noch mehr Kompetenzen. Die Entscheidungsschwelle sinkt weiter. Die Folge: Referees delegieren Verantwortung, statt sie zu übernehmen. „Ich hab ja den VAR“ – dieses Mantra lahmt jede Instinktentscheidung. Schiedsrichter werden enteert. Wer sich nicht mehr traut, pfeift sich tot. Spieler feiern nur noch halb, Fans halten den Atem an. Der Fußball, einst ein Volksschauspiel, mutiert zur Endlosschleife aus Warten und Nachbessern.
Die Zahlen sprechen gegen das System: laut DFB-Statistik dauert eine durchschnittliche Überprüfung 97 Sekunden. In der Phase sinkt die Stadionlautstärke um 30 %. Die Unsicherheit steigt, die Spannung fällt. Kein Wunder, dass Kurvenchoreos mittlerweile nicht mehr „Gerechtigkeit“ fordern, sondern „VAR-Abbruch“. Der Protest kommt nicht von irgendwo, er schreit aus jedem Block. Es ist keine Stimmung gegen Technik, sondern gegen den missbräuchlichen Umgang damit.
Lieberknecht weiß, dass sein Appell utopisch ist. Die Liga wird das System nicht abschaffen, sie würde sich selbst diskreditieren. Doch wer glaubt, mit noch mehr Videobildern komme mehr Klarheit, der betrügt sich. Die Realität liefert nur mehr Interpretationsraum. Jede Woche ein neues Lehrvideo, jede Woche dieselbe Lektion: Der perfekte Beweis existiert nicht. Stattdessen erhalten wir verunsicherte Schiris, abgebrühte Profis und ein Publikum, das sich freut – bis der nächste Frame die Freude kassiert.
Die Lösung liegt nicht in noch mehr Kameras, sondern in klareren Richtlinien und mutigen Referees, die ihre Entscheidungen verteidigen. Doch dafür bräuchte es Mut. Und den verschluckt derzeit der Videobeweis. Wenn das so weitergeht, bleibt am Ende ein Sport ohne Seele – und ein Stadion voller Leute, die nur noch warten, bis der nächste Jubel abgebrochen wird. Dann können wir uns das Spiel auch sparen. Oder endlich wieder spielen lassen.
