Van der poel jagt das triple: sanremo wird zur schicksalsfahrt
Mathieu van der Poel tritt in die Fußstapfen von Oscar Freire – und will dessen Triple von 2004, 2007 und 2010 endgültig einfangen. Am Samstag, bei der 116. Mailand–San Remo, geht es für den Niederländer um nicht weniger als die ewige Legende der Frühjahrsklassiker.
Die cipressa wird zur falle – und pogacar zum schatten
„Ich muss an der Spitze meiner Form sein, sonst zieht Tadej auf der Cipressa einfach weg“, sagt van der Poel knapp vor der Teampräsentation in Pavia. Die Rede ist von jenem Anstieg, der seit zwei Jahren nicht mehr nur ein Hügel, sondern eine psychologische Waffe ist. 2025 riss der Wind genau ins rechte Fenster, Pogacar legte den Zünder, UAE zündete das Feuerwerk – und plötzlich war San Remo kein Sprint mehr, sondern ein Ausnahmezustand.
Van der Poel war damals der Einzige, der mitzog. Er weiß, dass ein einziger schlechter Tag reicht, um sich auf der ViaRoma nicht einmal mehr im Top-10-Feld wiederzufinden. „Wenn ich nur ein Prozent fehle, bin ich weg. Punkt.“

Die jubiläumssaison: acht wm-titel im querfeldein, zwei etappen in tirreno – und jetzt der mythos
Die Bilanz vor der Classicissima liest sich wie ein Lehrbuch über Perfektion. Nach dem Rekord-Weltcupwinter dominierte van der Poel die Omloop Het Nieuwsblad beim Saisonauftakt und schraubte in der Tirreno-Adriatico zwei Siege raus – nicht als Ziel, sondern als Trainingsreiz. „Intervalle in Rennintensität kann ich mir im Home-Trainer nicht vortäuschen“, sagt er. „Die Tirreno ist mein letzter Schub.“
Dabei ist die Frage nach der Bestform gar nicht so leicht zu beantworten. „Ich bin sehr zufrieden, aber ob das meine beste Vorbereitung ever ist? Keine Ahnung. Ich spüre, dass ich bereit bin – mehr zählt nicht.“

Ganna, pogacar und die neue unberechenbarkeit
Filippo Ganna, so van der Poel, „ist gebaut für diese Strecke“. Der Zeitfahrweltmeister habe in Tirreno bereits Signale gesetzt. Doch der große Unbekannte bleibt Pogacar. „Was er 2025 auf der Cipressa gemacht hat, war kein einmaliges Feuerwerk – es war eine taktische Revolution“, sagt van der Poel. UAE habe das Rennen verändert, aus einer 300-Kilometer-Schachpartie wurde ein 25-Kilometer-Knall.
Die Folge: Selbst Sprinter müssen sich fragen, ob sie noch auf den Sprint hoffen oder lieber mitgehen, wenn Pogacar erneut aufreißt. „Früher hat keiner auf der Cipressa angegriffen. Heute ist genau das der Plan“, bilanziert van der Poel trocken.

Die via roma als schicksalsort – und die erbfolge im hause poulidor
1961 gewann Großvater Raymond Poulidor in San Remo – damals noch ohne Poggio, dafür mit mehr Einsamkeit. 64 Jahre später könnte der Enkel den Familiennamen erneut in die Siegerliste eingravieren. Dreimal stand er bereits ganz oben, 2023 und 2025 als Sieger, 2024 als Drahtzieher für Jasper Philipsen.
„San Remo, Flandern, Roubaix – sie liegen auf einer Ebene“, sagt er. „Aber der finale Kilometer in der Via Roma hat diesen besonderen Geschmack: Du siehst das Meer, du hörst den Motor der Menge, und du spürst, dass du nach 300 Kilometern keine Sekunde verschenken darfst.“
Am Samstag wird sich zeigen, ob van der Poel erneut den Moment erzwingt – oder ob Pogacar die Cipressa erneut zur Startbahn macht. Eines steht fest: Das Rad der Geschichte dreht sich weiter. Und van der Poel sitzt ganz vorne im Peloton.
