Van der poel jagt das triple – pogacar wartet mit zähnen und krallen

Mathieu van der Poel hat den Frühling nicht nur gerochen, er ihn geradezu verschlungen. 299 Kilometer Mailand–Sanremo, drei Siege in Folge von 2023 bis 2025 – nur Oscar Freire schaffte zuvor so etwas. Und trotzdem steht der Niederländer am Samstag erneut vor der Frage: Wie stoppt man Tadej Pogacar auf der Cipressa?

Die kalkulation beginnt bei windstärke drei

„Wenn ich nur ein Prozent fehle, reißt er mich auseinander“, sagt Van der Poel im Teamhotel von Pavia. Der Gedanke klingt nach Respekt, ist aber pure Selbstanalyse. 2025 spürte er selbst, wie der Slowene mit haarscharfer Taktik und perfektem Seitenwind die Gruppe hinter sich vergessen ließ. Die UAE-Emirate haben das Rennen neu erfunden: Cipressa und Poggio sind nicht mehr bloße Hügel, sondern Katapulte.

Van der Poels Antwort: Er attackierte die Tirreno-Adriatico wie ein Trainingslager auf Rennschärfe. Zwei Etappensiege, dazu ein souveräner Sieg beim Cross-WM-Rekord acht. „Ich brauche Wettkampfintensität, das kann ich im Home-Trainer nicht kopieren“, sagt er. Die Daten seiner SRM-Crank: 6,9 Watt/kg auf der Cipressa, 7,3 Watt/kg auf dem Poggio – beides Werte, die ihn 2024 kurz vor der Detonation brachten, als Pogacar mit 55 km/h in die Abfahrt startete.

Ganna plant den endspurt von 450 meter

Ganna plant den endspurt von 450 meter

Filippo Ganna schaut sich die Streckenaufzeichnung wie ein Schachbrett an. Für den Zeitfahr-Olympiasieger ist Sanremo ein fast glatter 300-km-Sprint. „Die letzten 450 Meter sind meine Arena“, sagt er. Sein Speed liegt bei 72 km/h, Tritt frequenz bei 115 Umdrehungen. Die Frage ist nur: Wer bringt ihn in Position? INEOS zieht diesmal mit drei Zugpferden vor, um das Feld vor der Cipressa zu zerreißen.

Die italienische Presse schreibt vom „Ganna-Express“, doch intern spricht man vom „Trojanischen Pferd“: Scheinbar fährt Ganna für Van Baarle, doch wenn die Gruppe auf 30 Fahrer schrumpft, schaltet der Turiner noch einen Gang zu.

Die cipressa wird zur schaltzentrale

Die cipressa wird zur schaltzentrale

Rennleiter Christian Prudhomme hat die Ampelanlage an der Cipressa dieses Jahr umstellen lassen. Grün nur für die Fahrer, Gelb für die Begleitmotorräder – ein Test, der Fluchtwinden verhindern soll. Dahinter steckt die Erkenntnis: 2025 war nicht nur Pogacars Beinschlag, sondern auch der perfekte Windschatten des Kleinbusses ausschlaggebend. Die UCI reagiert, die Teams adaptieren.

Quick-Step hat zwei Getriebesätze parat: 54/44 für Geschwindigkeiten über 60 km/h, 52/42 für den Fall, dass die Cipressa zum Berg wird. Die Jumbo-Visma-Monteure haben sogar ein 11-23-Cassette montiert – ein Zahnkranz, den man sonst nur in der Bahnrad-Weltmeisterschaft sieht.

Die wetterkarte ist der vierte mann

Die wetterkarte ist der vierte mann

Meteo France prognostiziert 14 Grad und Südwest-Wind mit 25 km/h. Für Sanremo-Verhältnisse ein Sturm, der die Cipressa zur Rampe macht. Die Teams haben ihre Meteorologen schon vor Ort, Wind-Radare an der Küste positioniert. „Bei auflandigem Wind verlagert sich der kritische Punkt auf Kilometer 271, nicht auf 285“, sagt UAE-Sportdirektor Joxean Fernandez. Die Botschaft: Wer dort nicht vorn sitzt, findet nie wieder Luft.

Van der Poel hat seine Startnummer 1 behalten – ein Symbol, das ihn zwingt, die Favoritenrolle zu lieben. „Ich fahre nicht, um Geschichte zu wiederholen, sondern um sie neu zu schreiben“, sagt er. Dabei weiß er genau: Die Cipressa schreibt mit, der Poggio korrigiert, Via Roma unterschreibt. Und Pogacar? Der hat den Stift schon mal in der Hand gehabt.