Rom stirbt mit 73: david riondino, der poet der satire, verstummt in rom

Riondino ist tot. Die Nachricht traf am frühen Samstag wie ein Schlag in die Magengrube der italischen Kulturszene: David Riondino, Drehbuchschreiber, Regisseur, Liedermacher und Erfinder des Evergreens Maracaibo, ist mit 73 Jahren in seiner Wohnung in Rom gestorben. Die langjährige Freundin Chiara Rapaccini bestätigte das Ende einer Karriere, die Satire, Musik und Poesie so verrückt kombinierte wie kaum ein Zweiter.

Der letzte clown baut seine schule nicht mehr fertig

Noch vor drei Wochen saß Riondino im Keller der ehemaligen Papierfabrik in Trastevere, skizzierte Stühle, Bühne, Licht – seine Scuola dei Giullari, ein Ort, wo Commedia dell’arte und Chanson aufeinandertreffen sollten. „Ich will keine Akademie, ich will eine Taverne“, sagte er damals. Die Taverne bleibt ein Projekt, das nun von seinen Schülern gebaut werden muss.

Geboren 1952 in Florenz, schmiss Riondino zunächst die Gitarre an die Schulter und schrieb Lieder gegen die Macht. Doch schnell wurde ihm klar: Seine Stimme allein reicht nicht. Also schrieb er Theaterstücke, drehte Filme, moderierte Fernsehsendungen und ließ sich dabei nie in eine Schublade stecken. Maracaibo wurde 1984 ein Sommerhit, weil er darin ein ganzes Land beschwor: „Italia, Italia, chi ti fa più ridere?“ – ein Refrain, der heute auf TikTok wiederaufersteht.

Wie er die rai vor sich her jagte

Wie er die rai vor sich her jagte

2003 war Riondino mittendrin im Clinch mit der öffentlich-rechtlichen Kontrollwut. Als Raiot, die Satireshow von Sabina Guzzanti, nach einer einzigen Ausstrahlung vom Sender genommen wurde, schrieb er einen offenen Brief an die Intendanten: „Sie fürchten das Lachen, weil es Hierarchien umstülpt.“ Danach verbannte ihn die RAI faktisch in die Nische, er wanderte zu Mediaset, kehrte zurück, wurde wieder weggeschoben – und drehte einfach weiter. Seine Antwort auf Zensur war mehr Output.

Die Zahlen sprechen: 12 Theaterprogramme, 3 Kinofilme als Regisseur, 400 Lieder, unzählige Fernsehauftritte – und dabei nie ein Haus in den Hollywood Hills. Stattdessen lebte er in einer 90-Quadratmeter-Altbauwohnung nahe der Piazza del Popolo. Die Miete war hoch, die Möbel zusammengesucht, doch die Tür stand offen. Jeder konnte hereinkommen, sich einen Kaffee kochen und ein Lied mitgrölen.

Mit 73 jahren noch ein neuanfang geplant

Mit 73 jahren noch ein neuanfang geplant

Mit 72 schrieb er das Drehbuch für ein Musical über den Dichter Trilussa, mit 73 wollte er auf Tournee gehen – nur vier Termine, dafür in den kleinsten Theatern Siziliens. Die Proben liefen, die Stimme war rauer, aber die Timing-Sicherheit blieb. „Ich brauche keine Hochglanzproduktion, ich brauche ein Publikum, das hustet, wenn es unangenehm wird“, sagte er im letzten Interview mit La Repubblica. Das Husten wird nun ausbleiben.

Hinterlässt wird er seine Frau Giovanna Savignano, mit der er 2012 vor 30 Freunden im Garten der Villa Borghese heiratete, sowie die Tochter Giada, 1974 geboren, heute Regisseurin in Turin. Die Beisetzung findet am Dienstag, 31. März, um 11 Uhr in der Kirche der Künstler an der Piazza del Popolo statt. Anschließend wird die Trauerfeier in das nahe Theater Sant’Andrea verlegt – dort, wo Riondino 1998 sein Programm Satire ist Liebe uraufführte.

Die italische Politik reagierte mit Schweigen. Kein Tweet des Premierministers, keine offizielle Erklärung des Kulturbüros. Dafür schickten Comedians, Schauspieler und Straßenmusiker spontane Videos: Sie singen Maracaibo in U-Bahnhöfen, auf Balkonen, vor leeren Theatern. Die Videos sind Pixelbrei, aber sie beweisen: Riondinos Erbe ist kein Statut, es ist ein Refrain, der sich verselbstständigt hat.

Ein Freund notierte in das Gästebuch: „Er war der einzige, der ohne Mikrofon lauter war als mit.“ Die Feststellung stimmt. Und sie macht die Stille jetzt nur schwerer erträglich.