Federica sciarelli packt aus: verschwundene kata und korrupter cop live
Milano, 18. März, 20.20 Uhr: Die Fernsehzeitung bleibt heute geschlossen. Stattdessen schaltet Italien auf Rai 3 um, denn Federica Sciarelli nimmt sich zwei Fälle vor, die das Land nicht mehr loslässt: die kleine Kata, seit zweieinhalb Jahren spurlos, und den Polizisten Carmelo Cinturrino, der plötzlich selbst Mordverdächtiger ist.
Die mutter fürchtet: „meine tochter wurde verkauft“
Die Kamera fährt nah auf eine Frau Anfang vierzig, ihre Augen sind rot, die Stimme ein Faden. „Ich weiß, dass meine Kata noch lebt“, sagt sie, „aber ich fürchte, sie lebt nicht bei uns.“ Die kleine Kata verschwand an einem Nachmittag im ehemaligen Hotel Astor in Florenz, einem Gebäude, das linkes Szene-Quartier und Drogenumschlagplatz zugleich war. Dreißig Monate später sitzt ihre Mutter in Sciarellis Studio und wirft den Stein ins Rollen: ein Netzwerk aus Zimmervermietung, Kinderhandel und falscher Papiere. Die Redaktion hat neue Handy-Standortdaten zweier Hausknechte, die an dem Tag auffällig oft zwischen Astor und Bahnhof Santa Maria Novella pendelten. Ein Experte für internationale Adoptionen schätzt: „Wenn das Kind über Balkan-Route ging, ist es inzwischen in den USA oder Israel.“
Doch es gibt noch einen explosiven Ton. In einer WhatsApp-Sprachnachricht, die „Chi l’ha visto?“ exklusiv auswertet, droht ein Gastwirt: „Das Mädchen ist längst weg, redet nicht darüber, sonst kriegt ihr alle Probleme.“ Die Staatsanwaltschaft Florenz bestätigt, dass wegen Menschenhandels ermittelt wird – und das, obwohl die zuständige Kommissarin den Fall längst zu den Akten legen wollte.

Der beamte mit dem taschengeld aus dem handy
Kurz nach 21 Uhr wechselt Sciarelli den Gang. Jetzt steht Carmelo Cinturrino im Rampenlicht, Assistenten-Chef der Polizei von Pordenone. Bild: Selfie-Video, aufgenommen von seiner Kollegin. Man hört, wie er aus dem Handy eines 19-jährigen Tunesen 120 Euro zieht, dabei Kokain erwähnt und lacht: „Für die Kaffeekasse.“ Was wie ein Einzelfall klingt, entpuppt sich als System. Die Redaktion liegt ein Dossier mit 37 weiteren Fällen vor, bei denen Geld aus Festgenommenen verschwand – immer mit denselben Unterschriften, immer dieselben Drogen-„Funde“. Der interne Audit der Polizei spricht von „strukturellem Missbrauch“, doch die Disziplinarkammer verhandelt hinter verschlossenen Türen. Sciarellis Team rechnet vor: Wenn jede durchschnittliche Razzia 300 Euro abwirft, waren das auf einem Jahr gesehen über 130.000 Euro Schwarzgeld – und das nur in einer einzigen Kommissariats-Abteilung.
Ein suspendierter Beamter, der anonym mitsprechen will, liefert den Satis: „Wir nannten es ‚Trinkgeld‘. Aber irgendwann war es kein Trinkgeld mehr, sondern Lebensversicherung. Wer maulte, flog raus oder landete selbst im Verdacht.“ Die Gewerkschaft SAP kündigt rechtliche Schritte an, doch Innenminister Lamberto Giannini hält sich bedeckt. Sciarelli kontert live: „Wenn der Staat nicht aufpasst, übernehmen die Clans die Kontrolle über unsere Uniformen.“

Der koch, der seine freundinnen versicherte – und sterben ließ
Der dritte Akt gehört „Chef Milza“, einem Starkoch mit TV-Casting-Vergangenheit. Er kocht nicht mehr, er wartet. In Untersuchungshaft, weil er laut Anklage seiner Lebensgefährtin einen Unfall inszenierte, um 400.000 Euro Lebensversicherung kassieren zu können. Die Neugier der Zuschauer: War sie die Erste? Die Redaktion zieht Sterbeurkunden aus drei Ländern, alle Ex-Partner starb unter ähnlichen Umständen – Unfall, Kopfverletzung, hohe Police. Eine digitale Recherchegruppe aus Mailand fand Chatprotokolle, in denen Milza nach „unauffälligen Bremsenschwächen“ an Mietwagen fragte. Die Quote steigt, die Twitter-Timeline kocht.
Um 23.10 Uhr schließt Sciarelli mit einem Appell, nicht mit einem Sentiment. Keine rhetorische Frage, kein „Was passiert als Nächstes?“. Stattdessen präsentiert sie eine Zahl: „In den letzten zwölf Monaten haben wir 312 vermisste Personen gezeigt, 47 wurden gefunden. Jede dritte Spur kam von Zuschauern.“ Dann Schnitt, Schwarz, Sendeschluss. Die Fernbedienung liegt wieder auf dem Tisch, aber die Daten laufen weiter – im Prozess, in den Köpfen, im Land.
