Ulbricht jagt die kristallkugel – ein punkt trennt ihn vom traum

Mount St. Anne wird zum Hexenkessel. Leon Ulbricht, 21, steht eine Bahnlänge vor dem größten Erfolg seines Lebens – oder vor dem Absturz in die Silber-Loszone. Ein einziger Punkt liegt zwischen ihm und der großen Kristallkugel, die am Samstag (17.00 Uhr/live) in Kanada an den Gesamtsieger des Snowboard-Weltcups wandert.

Der gelbe trikot-fluch

„Das Shirt bringt mir gerade gar nichts“, sagt Ulbricht, während er die Kante seines Boards zwischen den Fingern gleiten lässt. Die Farbe der Führenden? Schwer wie Blei. Denn hinter ihm scharrt Aidan Chollet, Frankreichs Dauerläufer, mit dem Hauch eines Punktes Rückstand. 42 Meter dahinter schielt Adam Lambert, der australische Sprinter, aufs Podest. Und selbst Jonas Chollet (–83) rechnet noch mit dem Wunder.

Die Geschichte kocht seit Februar. In Livigno rutschte Ulbricht nach dem Crash mit Mentor Martin Nörl auf Eis, Olympic-Traum geplatzt. Statt Medaille: Schürfwunden und Fragezeichen. Drei Monate später soll der Schmerz Vergangenheit sein. „Ich fahre mein Rennen, nicht das der anderen“, sagt er, aber seine Augen suchen die Anzeigentafel, als wäre sie ein Gegner.

Kanada als glücksfall

Kanada als glücksfall

Gutes Omen? 2023 wurde er hier Dritter. Seitdem hat sich seine Linie in die steile Canadian-Traverse eingebrannt. Drei Podestplätze in dieser Saison – zwei Zweite, ein Sieg – geben ihm Selbstvertrauen. „Der Speed stimmt, die Lunge brennt nicht“, sagt er nach dem letzten Time-Trial. Hinter den Kulissen haben die Techniker die Kanten seiner Boards auf 0,3 Millimeter runter geschliffen – ein Haarbreit, um auf hartem Schneegries zu beißen.

Für Snowboard Germany geht noch mehr. Neben Ulbricht und Nörl starten Kurt Hoshino, Julius Reichle und Jana – ein Quintett, das die Kugel nach Deutschland holen will. 2022 und 2023 sicherte sich Nörl die Trophäe, damals vor Lucas Eguibar im Fotofinish. Nun liegt der Vorhang für den neuen Helden bereit.

Die Rechnung ist simpel: Wer in der Final-Heats erstenreihen, schnappt sich 100 Punkte. Chollet bräuchte den Sieg plus Ulbrichts Sturz. Lambert müsste gewinnen und auf Patzer der Franzosen hoffen. Ulbricht? „Ich kenne die Zahlen, aber ich kenne auch mein Brett.“

17.00 Uhr Ortszeit, Mount St. Anne. Die Startampel springt auf Rot. In 60 Sekunden kann eine Saison explodieren – oder eine Träne kullern. Für Ulbricht ist klar: „Wenn ich ankomme, bin ich nicht mehr der 21-Jährige vom Livigno-Crash, sondern der mit der Kugel im Koffer.“