Tuchel-england patzt erneut: das wembley-trauma ohne kane

Ohne Harry Kane wirkt Englands Nationalteam wie ein Schlagzeuger ohne Sticks – laut, aber rhythmisch völlig verloren. Das 0:1 gegen Japan beschert Trainer Thomas Tuchel den zweiten Rückschlag innerhalb von vier Tagen und lässt die Insel vor der WM 2026 erstmals seit 2014 wieder von einem echten Tief reden.

Die Zahlen sind gnadenlos: zwei Testspiele, ein Tor, zwei Punkte. Und das in einem Jahr, in dem die Three Lions eigentlich den Sprung vom ewigen Halbfinalisten zum Titelkandidaten wagen wollten. Stattdessen steht jetzt die Frage im Raum, ob die Tuchel-Ära schon vor ihrer ersten Großveranstaltung raucht – oder ob ein einziger Knöchel alles kaputtmacht.

Kaoru mitoma vollstreckt, england verfolgt

Der einzige Treffer des Abends war ein Lehrstück moderner Konterkunde. Takefusa Kubo zog die Abwehr mit zwei Kontakten auseinander, Mitoma startete auf den zweiten Pfosten und schob ein, als hätte er den Linienrichter als Laufpartner eingebucht. 23. Minute, 0:1, Wembley verstummt. Den Rest der Partie versuchten die Gastgeber, die Lücke mit Distanzschüssen zu kitten – Elliot Anderson traf nur die Latte (35.) –, doch Japan verwaltete das Spiel, als wäre es ein Nintendo-Controller: ein paar Knöpfe drücken, Ergebnis sicher.

Die Statistik hinterher liest sich wie ein Indictment: Kein einziger Torschuss innerhalb des Strafraums nach der Pause, keine Großchance zwischen der 54. und 87. Minute. Tuchels Rotation – zehn Neue nach dem 1:1 gegen Uruguay – brachte viele Namen, aber kein System. Phil Foden glitt ins Mittelfeldzentrum, Cole Palmer blieb an den Außenlinien stecken, Anthony Gordon lief sich fest wie ein Sprinter ohne Startblock.

Knöchel, krise, champions-league-glocke

Knöchel, krise, champions-league-glocke

Die eigentliche Bommelei folgte nach dem Abpfiff. Kanes „leichte“ Blessur vom Training war plötzlich ein „weiteres Assessment notwendig“, wie der Verband formulierte. Übersetzt: Keiner weiß, ob der Kapitän am Samstag in Freiburg mitmischen kann, geschweige denn am 7. April im Viertelfinal-Hinspiel bei Real Madrid. Für Bayern München ein Horrorszenario, für England ein Machtvakuum.

Denn das Problem ist tiefer als ein einzelner Spieler. In den letzten zwölf Monaten erzielte England ohne Kane nur drei Tore in sieben Spielen – zwei davon per Elfmeter. Die Taktik Tuchels, die auf intensives Gegenpressing und schnelle Vertikale setzt, verliert ohne ihren Target-Player die Referenz auf dem Rasen. Stattdessen wird das Mittelfeld zum Kreisverkehr: viel Bewegung, wenig Ankunft.

Die Pfiffe vom Wembley-Rang klangen nicht nur unzufrieden, sondern verächtlich. Zum ersten Mal seit der EM-Pleite 2021 buhte das Publikum eigene Spieler aus – und das bei einem Testspiel. Die Botschaft ist klar: Tuchel hat weniger als 100 Tage, um ein neues Gesicht zu finden, oder er riskiert, mit dem besten Kader der Inselgeschichte ins WM-Gruppenloch zu stolpern.

Österreich zeigt indes, wie es geht. Mit Marcel Sabitzer als Kapitän und Paul Wanner als Jungstar gewann Rangnick’s Truppe 1:0 gegen Südkorea – und bewies, dass man auch ohne Superstar effizient spielen kann. Sabitzer’ 48.-Minuten-Volley war nicht nur ein Tor, sondern ein Statement: Wir haben einen Plan, und wir setzen ihn um. England dagegen wirkt wie ein Team, das auf den Namen wartet, der alles repariert – ohne zu wissen, dass der Name vielleicht gar nicht mehr kommt.

Die WM in den USA ist in 250 Tagen. Bis dahin muss Tuchel nicht nur Kanes Sprunggelenk heilen, sondern auch die Idee, dass Fußball mehr ist als die Summe von Talent. Sonst wird das nächste Flugziel nicht Katar, sondern Heimweh.