Tresoldi schießt sich die champions league schön – doch nagelsmann schweigt
Zwolf Tore in zwölf Liga-Spielen, Doppelpack in Brügge gegen Manchester City, Torjägerkrone in der Jupiler Pro League – und trotzdem klingt das Handy von Nicoló Tresoldi nicht. Keine Rufnummer aus Frankfurt, keine WhatsApp mit deutscher Flagge. „Bei mir hat sich keiner gemeldet“, sagt der Deutsch-Italiener, während er in den Katakomben der Schauinsland-Reisen-Arena gerade die Stollen vom Trainingsrasen klopft.
Der anruf, der nicht kommt
Julian Nagelsmanns Zettel für die WM-Vorbereitung im Oktober ist längst in der Cloud, doch der Name des 22-Jährigen steht nicht drauf. Dabei wäre Platz genug: Die deutsche Angriffsriege stolpert von einem 0:1 zum nächsten, Havertz, Füllkrug und Werner werfen sich gegenseitig die Schuld zu. Tresoldi schaut das alles aus 250 Kilometern Distanz an – und schießt einfach weiter.
Die Rechnung ist schnell gemacht: Sein Wechsel von Hannover 96 zu Club Brügge für 7,5 Millionen Euro war ein Poker, der aufging. „Viele meinten, dass es vielleicht nicht der richtige Weg ist“, erzählt er mit einem verschmitzten Grinsen, das verrät: Er hat sie alle ausgebootet. „Aber ich hatte ein gutes Bauchgefühl.“ Dieses Bauchgefühl hat ihn bis ins Champions-League-Achtelfinale geführt, während sich der DFB-Apparat fragt, warum keiner trifft.

Brügge als katapult, braunschweig als bühne
Am Freitag kehrt er für zwei Tage in die alte Heimat zurück: Braunschweig, Eintracht-Stadion, 18 Uhr, U21 gegen Nordirland. „Viele Freunde sind vor Ort“, sagt er und klingt dabei, als würde er nur kurz im Rewe einkaufen gehen. Dabei geht es um nicht weniger als das EM-Ticket. Griechenland wartet vier Tage später in Athen, und Tresoldi will beide Spiele gewinnen. „Die Qualität dafür haben wir.“
Die Qualität – das ist auch die Frage, ob Nagelsmann ihn weiter ignoriert. Denn der Bundestrainer schwört auf interne Lösungen, auf Systemtreue, auf Spieler, die seine Automatismen verinnerlicht haben. Tresoldi aber ist ein Störenfried, ein Typ, der aus dem Stand heraus Tore erzielt, statt sie sich einzuüben. Vielleicht ist genau das der Grund, warum das Telefon still bleibt.
Doch die Tabelle der belgischen Liga lügt nicht, und die Champions-League-Defensive von Atlético Madrid kann ein Lied davon singen. Tresoldi schießt, bis sich die Netze wellen – und wartet. Irgendwann wird das Handy klingeln. Oder er trifft eben weiter für Club Brügge, bis selbst der DFB nicht mehr wegschauen kann. Dann hätte er nicht nur die Kritiker, sondern auch den Bundestrainer überholt.
