Tresoldi ballert belgien auf den kopf – nagelsmann schweigt
13 Liga-Tore nach der Winterpause, ein Hattrick in der ChampionsLeague, jetzt Gastspiel in Braunschweig: Nicoló Tresoldi spielt sich in Form, während Bundestrainer Julian Nagelsmann noch keinen einzigen Anruf gewagt hat.
Ein torjäger, der keine antwort bekommt
Die Zahl lautet sieben. Sieben Spiele, sieben Treffer – seit Ende Februar jagt der Deutsch-Italiener eine brisante Serie durch die Jupiler Pro League. Blauwijk-Zuschauer pfeifen ihn längst als „Il Cannoniere“ zusammen, doch im deutschen Lager herrscht Funkstille. „Bei mir hat sich keiner gemeldet“, sagt Tresoldi trocken, während er mit der U21 in der Sportschule Kaiserberg trainiert. Kein Vorwurf, nur eine Feststellung – und die klingt lauter als jede Kritik.
Der 22-Jährige wechselte im Sommer 2025 für 7,5 Millionen Euro von Hannover 96 zu Club Brügge. Viele Experten orteten einen Rückschritt: zu viel Geld für zu wenig Erfahrung, lautete das Urteil. Tresoldi lacht heute darüber. „Viele meinten, dass es vielleicht nicht der richtige Weg ist. Aber ich hatte ein gutes Bauchgefühl.“ Dieses Gefühl beschert ihm aktuell die Torjägerkrone Belgiens und einen Marktwert, der sich laut Transfermarkt.de bereits verdoppelt hat.

Brügge ist feuer, dfb-tor bleibt glut
Die Champions-League-Runde der 16 zeigte Tresoldi erstmals einem globalen Publikum. Sein Doppelpack gegen Manchester United bescherte Brügge ein 3:2, Twitter-Video mit 4,2 Millionen Aufrufen. Sportchef Vincent Mannaert nennt ihn „unseren Haaland-Light“, doch der Angreifer selbst schielt noch auf anderes Grün: die Europameisterschaft mit der deutschen U21. „Wir wollen beide Spiele gewinnen, dann sind wir Erster“, sagt er über die anstehenden Duelle gegen Nordirland und Griechenland. Direkt nach dem Schlusspfiff in Athen fliegt er zurück nach Flandern – Finalwoche in der Liga, Meisterfeier möglich.
Freunde und Familie haben am Freitag Karten für das Eintracht-Stadion. Sie kennen die Geschichte: der Sohn italienischer Eltern, geboren in Genua, aufgewachsen in Hildesheim, immer zwischen zwei Identitäten. Italien hatte ihn zuletzt umgarnt, doch Tresoldi hält an Deutschland fest – zumindest solange das Gespräch mit Nagelsmann auf sich warten lässt. Die U21 bleibt seine Bühne, und er nutzt sie mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der weiß, dass Tore sprechen lauter als Worte.
Am Spielfeldrand steht Trainer Antonio Di Salvo, der die Energie seines Stürmers braucht. „Er kommt mit dem Selbstbewusstsein eines Leaders“, sagt Di Salvo. Gegen Nordirland wird Tresoldi wohl von Anfang an stürmen; sollte er treffen, winkt der alleinige Rekord von 17 U21-Treffern, der derzeit von Kevin Vollands 21 Toren gehalten wird. Die Mathematik ist einfach: zwei Spiele, vier Tore Differenz – für einen Mann, der seit Februar jedes Wochenende trifft, keine Utopie.
Nach der Länderspielreise geht es für Tresoldi zurück in die Provinz Brügge, wo die Meisterschale bereits poliert wird. Ob Nagelsmann irgendwann anrufen wird? „Ich konzentriere mich auf das, was ich kontrollieren kann“, sagt er und schultert seine Tasche. Draußen warten Teamkollegen, eine Flugreise, zwei Spiele, vielleicht ein Titel – und die Gewissheit, dass 13 Liga-Tore selbst die leisesten Zweifler irgendwann zum Schweigen bringen.
