Zenhäusern fliegt raus, fährt trotzdem: slalom-krieger ohne netz und doppelten boden

Ramon Zenhäusern schlittert mit blankem Portemonnaie in den Winter. Swiss-Ski strich den Slalom-Weltmeister vom Zahlungsplan, sein Langzeitgeldgeber Brack zog den Stecker – und trotzdem will der 33-Jährige weitermachen. Kein Verband, kein Sponsor, aber viel Ego: das Selbstexperiment der Saison.

Warum vier top-30-plätze plötzlich zu wenig sind

Die Rechnung war simpel: wer nicht mindestens einmal unter die besten Zehn kommt, fliegt aus dem A-Kader. Zenhäusern blieb in 24 Slaloms nur viermal in den Punkten – ein Debakel für jemanden, der 2019 in der Parallel-Team-WM Gold holte und drei Einzelsiege auf dem Konto hat. Swiss-Ski zog die Konsequenz, der Walliser rutschte ins freie Fahren. Kein Materialpool, keine Physio-Reisekasse, kein Startrecht per Wildcard. „Ich habe mich sofort für die weitere Jagd entschieden“, sagt er knapp auf Instagram – und meint: Jagd auf Geld.

Die Lücke klafft enorm. Ein Spitzen-Slalom-Winter kostet rund 250.000 Euro: 70.000 für die Reise-Crew, 60.000 Material, dazu Service-Team, Versicherung, Wettkampfgebühren. Wegfallen tut nur der Swiss-Ski-Basissatz von 35.000 Euro. Wer jetzt nicht liefert, verschwindet schneller als ein Torlauf-Tor. Die Devise: erst zeigen, dann verhandeln.

Die stillen deals hinter den fis-punkten

Die stillen deals hinter den fis-punkten

Startrecht bekommt Zenhäusern trotzdem. Die FIS-Punkte seiner letzten Saison reichen für Startplätze 31 bis 45 – das sogenannte Blind Ranking. Wer dort steht, darf zwar nicht in die ersten Startlöcher, aber ins Feld. Das ist seine einzige Trumpfkarte gegenüber potenziellen Partnern: Sichtbarkeit garantiert. „Ich bin kein Rennfahrer, ich bin eine Marke, die gerade vom Roten ins Graue rutscht“, zitiert ihn ein Schweizer Agenturchef. Wer jetzt einsteigt, bekommt Rabatt – und das Risiko, dass der Athlet crasht.

Brack, bislang Hauptsponsor, stieg aus „strategischen Gründen“ aus. Die Baumarktkette verlagert ihr Budget in den Nachwuchs, die Botschaft: keine Altherren-Truppe. Zenhäusern sucht deshalb nicht nur Geld, sondern eine Geschichte. Vielleicht ein Regionalversorger, vielleicht ein Crypto-Start-up, vielleicht Crowdfunding via Fan-Token. Die Uhr tickt: in 90 Tagen steht der erste Slalom in Gurgl auf dem Programm.

Erfolg ohne Netz ist im alpinen Zirkus kein Novum. Marc Gini fuhr 2017 als Privatier auf Rang vier der Slalomwertung, Mauro Caviezel trainierte jahrelang ohne Verband und landete 2020 vor der Corona-Pause auf dem Gesamtpodest. Die Liste der Selbstzahler ist länger als gedacht – nur steht sie selten im Fokus. Zenhäusern muss jetzt beweisen, dass er nicht nur ein Gesicht für Kameras, sondern ein Geschäftsmodell ist.

Der Druck ist pure Energie oder reiner Frust. „Ich fahre nicht Richtung Abschied, sondern Richtung Comeback“, sagt er. Kein Pathos, eher ein Fakt. Wer mit 33 noch einmal angreift, kennt die Wucht der Latten. Und wer ohne Sicherheitsseil startet, spürt den Schmerz direkt – aber auch den Adrenalinstoß, den kein Verband jemals bezahlen kann.