Villa-rauswurf: colombias wm-kader zerfetzt sich im streit um vergewaltigungsvorwürfe
Kurz vor Mitternacht in Bogotá flatterte die Liste noch durchs Whatsapp-Netz der Journalisten: Sebastián Villa war dabei. Eine Stunde später stand Néstor Lorenzo vor der Presse – und der Name des Flügelflitzer war gestrichen. In dieser Nacht hat sich Kolumbien selbst abgeschossen.
Der deal, der keiner war
Lorenzo hatte den 28-Jährigen aus Mendoza nicht nur auf die 55er-Pre-Liste gesetzt, sondern bis zuletzt auf die 26er-Reisebank. „Er spielt sich frei, er wirbelt die Liga durcheinander“, hatte der Trainer noch am Morgen gesagt. Dann kam Ramón Jesurún ins Bild. Der Präsident der FCF bestellte Lorenzo in sein Büro, ließ die Pressekonferenz um 65 Minuten vertrödeln und schickte den Coach mit einer handgeschriebenen Liste zurück, die Villa nicht mehr trug. Sponsoren hatten gedroht, die Defensoría del Pueblo drohte mit einem offenen Brief – und plötzlich war Redemption nur noch ein PR-Wort.
Die Zahlen sprechen trotzdem für Villa: sieben Tore, fünf Assists in 19 Spielen für Independiente Rivadavia, 1.120 Minuten in der Copa Libertadores, kein einziger Muskelriss seit zwei Jahren. Doch die Statistik verblasst gegen das Urteil des Landesgerichts Buenos Aires aus dem Jahr 2023: eine Bewährungsstrafe wegen Nötigung und Körperverletzung an seiner Ex-Partnerin. Die zweite Anklage wegen sexueller Gewalt landete zwar in der Schublade, weil die Zeugin zurückzog – aber das reicht in Bogotá nicht mehr.

Der wind, der aus argentinien kam
In Mendoza feiert man gerade den besten Villa aller Zeiten. Die Gegner checken doppelt, wenn er links den Ball mit dem rechten Außenrist einwickelt. Seine Mitspieler nennen ihn „el hombre cinta“, weil er selbst aus beengten Situationen noch eine rote Schleife macht. Doch jedes YouTube-Highlight wird in Kolumbien sofort mit Screenshots von Gerichtsakten konterkariert. Die Hashtags #VillaNo und #FueraVilla trendeten gestern länger als jedes Tor von Luis Díaz.
Lorenzo wollte den Spieler, nicht das Gespenst. Er redete mit ihm, glaubte an die Null-Stunden-Konversation, in der Villa sagte: „Profesor, tuve que empezar de cero.“ Aber der Trainer vergaß, dass Nationalteams keine Rehabilitationswerkstätten sind. Die Trikotfarbe gelb ist kein Freifahrtschein, sie ist Projektionsfläche für ein ganzes Land. Und dieses Land hat 2022 den Notstand für geschlechtsspezifische Gewalt ausgerufen – 40.000 Anzeigen in zwölf Monaten.

Die liste, die jetzt brennt
Ohne Villa wirkt der Kader trotzdem scharf: Díaz, Rodríguez, Borré, Mina. Doch der Riss geht tiefer. Intern hämmert Jesurún jetzt auf Lorenzo ein, weil der Trainer die Autorität des Präsidiums unterlaufen habe. Die Spieler fragten sich im WhatsApp-Chat, ob Leistung künftig zweitrangig hinter Markenwerten sei. Und in den Talkshows kursiert schon das Wort „moralischer Dopingtest“ – als neue Metapher für die Frage, wer das rechte, wer das rechtskonforme Tor schießen darf.
Villa selbst schwieg gestern. Sein Berater postete ein Foto des leeren Flughafen-Sektors in El Dorado, dazu ein einzelnes Emoji: 🤐. Die Fans in Medellín skandierten trotzdem seinen Namen, als die Mannschaft zum Abschlusstraining fuhr. Die Polizei riegelte die Zufahrt ab. Keiner wollte neue Bilder riskieren.
Kolumbien reist mit einem 26-Mann-Kader zur WM – und mit einem 27. Gespenst. Das Land hat sich entschieden, den Ball nicht mit dem Schicksal zu verwechseln. Aber die Frage bleibt: Wenn Villa in zwei Wochen wieder für Rivadavia trifft und die kolumbianische Gruppe gegen Brasilien verliert, wer kriegt dann die nächste Ohrfeige? Die Mannschaft oder das eigene Gewissen? Die Antwort steht nicht auf der Liste, sie steht im Spiegel.
