Marlene tucholke: verletzung bremst leipzig-turbo – nationalteam-debüt auf eis
Sie sollte aufsteigen und durchstarten. Stattdessen sitzt Marlene Tucholke mit bandagiertem Sprunggelenk in der Halle an der Gaudlitzstraße und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. 41:5 Punkte führt ihr HC Leipzig die 2. Bundesliga an, die DHB-A-Nationalmannschaft ruft erstmals, doch der Körper streikt. „Von außen zuzuschauen, das tut weh. Aber es dauert nicht mehr lange“, sagt die 18-Jährige und blickt aufs Spielfeld, wo ihre Teamkolleginnen das Top-Derby gegen HC Rödertal mit 30:28 drehen.
Die Szene passt wie eine Faust aufs Auge: Leipzig feiert, Tucholke jubelt mit, aber die Träger in ihren Schuhen bleiben leer. Drei Wochen zuvor knickte die Rückraumspielerin um, seitdem fährt sie jeden zweiten Tag zur Reha. Bundestrainer Markus Gaugisch musste die Nominierung für den April-Lehrgang zurückziehen. „Herzklopfen beim Anruf, dann die Ernüchterung – das war hart“, gibt sie offen zu.
Nationalteam trotzdem „nur ein erster schritt“
Tucholke redet nicht lange um den heißen Brei herum. Sie kennt die Zahlen: 72 Treffer in dieser Saison, 54 Prozent Erfolgsquote, beste Torschützen-Leipzigerin trotz Alter. „Ich darf mich nicht ausruhen. Die nächste Chance kommt nicht automatisch.“ Ihre To-do-Liste liest sich wie ein Sport-Märchen: Aufstieg mit Leipzig, U20-Weltmeisterschaft im Sommer, „eine kleine Henny Reistad“ werden, irgendwann Weltmeisterin, Olympia, Champions League. „Keine Grenzen setzen“, sagt sie und meint das ernst.
Der HC Leipzig hatte sie 2023 aus Markranstädt gelotst, weil hier Jugend nicht nur gepflegt, sondern gespielt wird. Drei Punkte Vorsprung auf Verfolger Füchse Berlin, noch sechs Spiele, der Verein ist so nah am Oberhaus wie seit zwölf Jahren nicht. „Wir riechen die Bundesliga“, flüstert ein Betreuer vor dem Kabinengang. Tucholke nickt: „Wenn ich wieder auflaufen kann, will ich Meilensteine mitnehmen, keine Ehrenrunden.“

Comeback wohl kurz vor playoffs
Ärzte lassen sie seit Montag wieder Lauf- und Sprungtests absolvieren. In zwei Wochen soll der Nachweis kommen, dass das Syndesmoseband mitspielt. Dann steht das Regular-Season-Finale an. „Ich will nicht nur dabei sein, ich will entscheiden“, betont sie. Wer sie einmal trainieren sah, weiß: Ihr Sprungwurf aus neun Metern kracht mit der Wucht eines jungen Gusseisenstrangs in die Ecke. Genau diese Waffe vermisst Trainer Norman Rentsch gerade in engen Minuten.
Die U19-Europameisterschaft 2023 steht in ihrem Wohnzimmer auf einem Holzregal. Goldmedaille, Spielerin des Turniers, 35 Tore. Daneben liegt ein Zettel mit handschriftlichen Notizen: „Täglich 100 Würfe, 50 Sprünge, 20 Minuten Mentaltraining.“ Die Disziplin tröstet über die Zwangspause hinweg. „Ich bin nicht der Typ, der wartet, bis die Wolken wegziehen. Ich laufe rein und mache Sonne selber.“
Am Samstag gastiert Leipzig beim TV Borussia Dortmund. Tucholke wird wieder auf der Bank sitzen, mit Stimme und Analyse. Die Bundesliga rückt näher, das Nationalteam wartet. Und irgendwann, sagt sie, „werde ich beides haben: Aufstieg und Debüt. Nur eben nicht auf dem Schneckentempo, sondern auf meinem.“
