Tennis-drama in boston: überlebende eines untergangs treffen aufeinander
Drei Monate nach der Katastrophe des „Titanic“ lieferten sich zwei junge Tennisstars ein Duell der Superlative in Boston. Was auf dem Platz geschah, wurde von der Presse ignoriert – der Schmerz der gemeinsamen Erfahrung verband die Athleten für immer.

Ein match, das die welt vergaß
Der Longwood Bowl in Boston war am 20. Juni 1912 ein Ort des normalen Sports. Colletti, weiße Hemden, lange Hosen, Holzkellen und Darmsaiten prägten das Bild. Doch was sich hinter der Fassade des gesellschaftlichen Tennisturniers verbarg, war eine Geschichte, die das Zeitalter veränderte; eine Geschichte von Verlust und dem zaghaften Aufblühen eines neuen Lebens.
Auf der einen Seite stand Karl Behr, 27 Jahre alt, Sohn des Papierglasfabrikanten Herman Behr aus Brooklyn, ein blonder Athlet mit ausgeprägtem deutschen Hintergrund. Auf der anderen, Richard Norris Williams, gerade 21 Jahre jung, ein dunkelhaariger Mann aus Philadelphia, dessen Vater Duane, ein Anwalt und direkter Nachfahre von Benjamin Franklin, Mitbegründer der Internationalen Tennis-Föderation war. Beide waren bereits bekannte Namen: Behr, ein angesehener Jurist und Vertrauter von Theodore Roosevelt, hatte bereits 1906 das Finale der amerikanischen Meisterschaften erreicht und im folgenden Jahr Wimbledon- und Davis-Cup-Finale gespielt. Williams, der im Herbst an der Harvard Universität studieren sollte, war bereits Schweizer und Europameister.
Das Spiel selbst war ein Spektakel. Williams, der lange und athletisch überlegene Spieler, ging mit 6:0 und 9:7 in Führung. Doch dann schlug Behr zurück, ein Mann mit Brille und einer schlichten Haarbande, und gewann die nächsten drei Sätze mit 6:2, 6:1 und 6:4. Die „New York Times“ nannte es später „eines der spannendsten Duelle in den 22 Jahren Turniergeschichte“ – ohne auch nur ein Wort über das Unglück zu verlieren, das erst drei Monate zuvor, am 15. April 1912, das „Titanic“ ereilt hatte.
Die Gesichter der Zuschauer, darunter zahlreiche Anwälte und Bankiers, spiegelten eine unaufrichtige Normalität wider. Die neuen Automobile, die vor dem Longwood Cricket Club parkten, schienen die Tragödie zu überdecken. Es war ein Moment der kollektiven Verdrängung, ein Versuch, die Realität des Verlustes hinter einer Fassade des gesellschaftlichen Lebens zu verbergen. Doch der Schatten des „Titanic“ lag unweigerlich über dem Spiel, eine stumme Erinnerung an das, was verloren gegangen war und wie zerbrechlich das Leben sein konnte.
Die Geschichte von Behr und Williams ist eine Mahnung, dass selbst in den dunkelsten Zeiten das Leben weitergeht, und dass der Sport, in seiner ganzen Vielfalt und Intensität, eine Möglichkeit bieten kann, mit Verlust umzugehen und neue Hoffnung zu finden. Es ist eine Geschichte, die uns daran erinnert, dass hinter jeder Zahl, hinter jedem Sieg und jeder Niederlage, menschliche Schicksale stehen, die es zu würdigen gilt.
