Svww kassiert in saarbrücken den nächsten auswärts-frust – aufstieg rutszt weg
60 Minuten lang hielt der SV Wehen Wiesbaden die Schlinge des 1. FC Saarbrücken vom Hals, dann schlug Niklas May mit einem Roten Karton beim Stand von 0:1 das Fass um. Die 0:2-Enttäuschung vom Mittwoch ist kein Ausrutscher, sondern das symptomatiche Bild einer Truppe, die auf fremdem Geläuf seit Wochen nur mit Mühe die eigene DNA findet.
Heimmacht, auswärtsmuff: die zwei-gesichter-liga
Die Zahlen sind so schlicht wie brisant: Unter Daniel Scherning holten die Hessen daheim 18 Punkte aus sechs Partien, auswärts nur sieben Zähler – und das aus ebenso vielen Spielen. Ein Torverhältnis von 13:2 im BRITA-Arena-Quartier kontrastiert mit 5:10 auf Reisen. Die Tugenden, die die Mainzer Gegend in Schrecken versetzen – frühes Pressing, weite Diagonalbälle in die zweite Welle –, verflüchtigen sich, sobald die Busreise die Wetterau Richtung Süden verlässt.
Saisonübergreifend warten die Wiesbadener seit 13 Auswärtsspielen auf einen Dreier gegen ein Team jenseits der eigenen Tabellenhälfte. Die Muster sind identisch: passive Anfangsphase, individueller Fehler, hektische Aufholjagd. Gegen den Tabellen-14. aus Saarbrücken wiederholte sich das Mantra bis zur Perfektion. Erst der VAR-Giftpfeil zum 1:0 – Abseits, aber gegeben –, dann Mays Grätsche, dann der Knock-out.

Scherning steht vor dem rätsel der mentalen kapsel
Daniel Scherning betont, dass die Lösung kein taktisches, sondern ein Kopf-Problem sei. Seine Spieler bestätigen das, ohne sie zu lösen. „Wir brauchen immer erst ein Gegentor, um befreit aufzuspielen“, sagt Kapitän Sascha Mockenhaupt. Die Aussage ist keine Analyse, sondern eine Diagnose. Sie verrät, dass die Mannschaft ihre aggressive Grundlinie nicht abrufen kann, wenn die Kurve feindlich ist.
Der Coach probierte schon alles: 4-2-3-1 gegen Dresden, 3-5-2 in Münster, 4-4-2 mit Doppel-Sechser in Saarbrücken. Die Systemwechsel verpuffen in einer Atmosphäre, die sich vor Spielbeginn schon festsetzt. Statistisch gesehen fällt jedes zweite Auswärtstor nach Standardsituationen – ein Indiz für fehlende Konzentrationssprints.

Der saisonendspurt wird zur kopfrechenaufgabe
Mit elf Spieltagen bis zum Saisonende beträgt der Rückstand auf Rang drei vier Punkte, auf den Relegationsplatz drei Zähler. Das Konstrukt ist paradox: Die Hessen haben mehr Heim- (6) als Auswärtstermine (5) vor der Brust, müssen aber ausgerechnet ihre Reisefaulheit kurieren, um den Aufstieg nicht aus der Hand zu geben.
Die kommenden Gegenduelle sind ein Spiegel der Liga: Stuttgart II, Aue, Ingolstadt, Unterhaching – alles keine Klubs, vor denen man sich verstecken muss. Aber genau das ist das Problem. Die Mannschaft spielt nicht gegen Gegner, sie spielt gegen das eigene Fremdgefühl. „Wir müssen nicht viel ändern“, sagt Mockenhaupt. Er meint: Wir müssen alles ändern – außer dem Stadion.
Am Samstag kommt die VfB-Reserve ins Brita-Stadion. Drei Punkte sind Pflicht, sonst verwandelt sich die Auswärtsachillesferse in ein Heim-Phantom. Dann nämlich würde auch die heimische Festung bröckeln, und die Saison wäre kein Aufstiegsrennen mehr, sondern ein Selbstfindungskurs ohne Happy End. Die Zeit läuft – und die Kurven werden lauter.
