Suzuka-knaller: wolff räumt russell-setup-panne ein
George Russell flog auf seiner eigenen Heckachse. Mercedes-Chef Toto Wolff gab nach dem Qualifying in Suzuka offen zu: Eine spontane Setup-Umstellung verwandelte den W15 in ein Biest, das sich nur noch mit Vollgas um die eigene Achse dreht.
Die nacht von freitag auf samstag
Die Mechaniker drehten nach dem dritten Training die Stellschrauben, weil sie mehr Luft im Abtriebsspiel wollten. Resultat: Russell verlor 0,3 Sekunden in den schnellen Linkskurven, landete trotzdem auf Startplatz zwei – und kratzte sich hinterher am Helm. „Wir haben die mechanische Balance nach vorne verlagert, das Auto kippte auf die Nase, und plötzlich war da nichts mehr am Hinterrad“, sagte Wolff beim Sky-Mikrofon. Die Ingenieure hatten den Effekt unterschätzt, so der Österreicher. „Ein klassisches Oversteer-Loch, nur diesmal war es ein Canyon.“
Russell selbst klang wie ein Mann, der sein eigenes Fahrrad umgebaut hat und nun die Bremsen am Lenker findet: „Vielleicht haben wir beim Umbau einen Fehler eingebaut, vielleicht reagieren die neuen Bodenplatten empfindlicher als gedacht.“ Er fuhr mit deutlich sichtbarem Gegenlenken durch die 130R-Kurve, die Daten zeigten Hecktemperaturen um 15 Grad höher als bei Teamkollege Kimi Antonelli.

Antonelli kassiert die pole, kalt wie sushi
Während Russell mit seinem Mercedes tanzte, fuhr der 18-jährige Italiener wie auf Schienen. Antonelli schnappte sich die Pole mit 1.27,345 Minuten – drei Zehntel vor dem Verfolgerfeld, aber vor allem acht Zehntel vor seinem Teamkollegen. „Kimi hört im Funk nur seine eigene Atmung“, schwärmte Wolff. „Der Junge ist so lautlos, dass wir ihn manchmal auf dem Bildschirm suchen müssen.“ Antonelli selbst nannte die Runde „sauber, bis auf einen Verbremser in Kurve elf – da hab ich mir die Reifen kurz gegrillt, aber die Suzuka-Keramik verzeiht so was“.
Die Langstreckenanalyse vor dem Rennen zeigt: Mercedes dominiert die Rennsimulation, aber nur, wenn das Heck nicht kocht. Russell wird am Sonntag mit einem halben Grad weniger Flügel und einer weicheren Hinterachsfeder starten, um das Übersteuern zu bandagieren. „Wir können die Geometrie nicht mehr komplett zurückdrehen, das Fenster ist zu“, sagt Technikchef James Allison. „Aber wir können das Auto in den Hochgeschwindigkeitssektoren stabilisieren, indem wir die Bremsbalance nach hinten verlegen und Kimi als Windschatten nutzen.“

Die rechnung für sonntag
Laut internen Simulationsläufen verliert Russell in den 53 Runden rund 0,18 Sekunden pro Runde an Bodenhaftung – das summiert sich auf neun Sekunden Rückstand, falls er alleine fährt. Die Ingenieure hoffen auf frischen Asphalt und kühle Luft: Bei Temperaturen unter 20 Grad Celsius arbeitet der Reifen weniger, das Heck rutscht weniger. „Wenn er hinter Kimi fahren kann, spart er acht Sekunden und hat eine echte Chance auf den Doppelsieg“, rechnet Allison vor.
Für Red Bull und Ferrari ist die Panne ein Geschenk. Max Verstappen startet von Platz drei und könnte Russell gleich in der ersten Runde attackieren, sollte der Mercedes wieder tanzt. „Wir haben nichts zu verlieren“, sagt Verstappen. „Wenn der W15 hinten raucht, sind wir da.“
Mercedes reist mit zwei Autos in zwei Welten nach Suzuka: einem Eisprinzen auf der Pole und einem Feuerfänger auf Startplatz zwei. Toto Wolff zuckt mit den Schultern: „Im Motorsport gewinnt man mit Millisekunden und verliert mit Millimetern. Diesmal haben wir drei Millimeter zu viel an der Stange gedreht.“ Am Sonntag um 7 Uhr deutscher Zeit zeigt sich, ob die Millimeter reichen, oder ob Suzuka erneut die Achse der Welt verrückt.