Wolfsburg bricht fluch gegen lyon und schlägt sich auf rosenpfaden
Endlich. Kein erneutes Zurückschrecken, kein Gesicht in den Händen, sondern ein kollektiver Aufschrei, der die Volkswagen-Arena erzittern ließ. Der VfL Wolfsburg hat den Olympique Lyon mit 1:0 besiegt – und damit eine Negativserie gerissen, die sich über sechs Partien wie ein Schatten über jeden Europacup-Traum gelegt hatte.
Beerensteyn trifft früh, wolfsburg stemmt sich gegen die drangperiode
Schon in der 14. Minute stach Lineth Beerensteyn zu. Ihr halb abgefälschter Schuss kullerte ins Netz, Lyon-Torfrau Endler war noch mit den Fingerspitzen dran, doch der Ball zappelte. Die Niederländerin lief zur Fahne, die Mitspieler folgten – ein Bild, das Wolfsburg seit 2020 in diesem Wettbewerb gegen die Französinnen vermisst hatte.
Nach dem Seitenwechsel wurde es zur Geduldsprobe. Lyon schaltete um auf Angriffsmodus, die Wolfsburger Defensive um Lena Oberdorf und Kathrin Hendrich verlegte sich auf Raumverkürzung, klare Bälle, Kopfballhärte. In der 59. Minute der Schock: Kadidiatou Diani trifft den Innenpfosten – das 1:1 zitterte in der Luft, blieb aber aus. Glück? Vielleicht. Doch Glück zählt nur, wenn man die Cleverness besitzt, es zu nutzen.

Popp fehlt, kollektiv tritt auf die bremse
Alexandra Popp, die Seele der Mannschaft, saß in Trainingsklamotten an der Seitenlinie. Kein Kopfballmonster, keine Führungsspielerin auf dem Rasen – und dennoch wirkte ihr Team nicht wie kopflos. Trainer Stephan Lerch hatte vorab betont, „das Herz auf dem Platz“ zeigen zu wollen. Genau das lieferten seine Spielerinnen ab. Anstatt sich in Einzelaktionen zu verlieren, schalteten sie auf Sparflamme, pressten in der eigenen Hälfte, schalteten im richtigen Moment um.
Lerch formierte seine Startelf um, vertraute Svenja Huth auf der rechten Außenbahn und der Robustheit von Felicitas Rauch links. Die Umstellung funktionierte. Lyon sah sich mit Tempogegenstößen konfrontiert, die selbst die routinierte Abwehr um Wendie Renard ins Straucheln brachten. Beerensteyn vergab in der 19. Minute per Kopf die Vorentscheidung – ein Feuerwerk an Chancen wollte sich nicht entzünden, doch das eine Tor reichte.

Disney+-kameras, popp-interview, rückspiel-angst? fehlanzeige
Die Streaming-Kameras von Disney+ folgten jeder Geste. Popp gab zwischen den Rängen Interviews, ihre Stimme war heiser vom Anfeuern. Dabei war sie es, die vor Wochen noch mit ihrer Sprunggelenksverletztung für Kopfschütteln sorgte. Nun stand sie abseits des Feldes und wurde zur Cheerführerin. „Wir holen sie zurück“, hatte Lerch gesagt – das gilt auch für das Rückspiel am 2. April im Parc Olympique Lyonnais.
Dort erwartet Wolfsburg ein anderes Klima: 30 Grad Rasentemperatur, Tribünen voller Trommeln, ein Olympique, das zu Hause in dieser Saison erst zweimal Punkte ließ. Dennoch: Wer eine Serie von sechs Niederlagen stoppt, trägt sich selbst in die nächste Runde. Die Psychologie hat sich gedreht.

Die zahl, die alles erklärt: 42 prozent
Lyon dominierte die Zweikampfquote mit 58 Prozent, doch Wolfsburg verwandelte 42 Prozent Ballbesitz in drei hochkarätige Torgefahren – Effizienz, die sich in Zahlen messen lässt. Die Französinnen schossen 14-mal, trafen den Pfosten, vergaben aber die zwingenden Abschlüsse. Statistik lügt selten: Wer die Chancen nicht nutzt, verliert irgendwann auch das Spiel.
Die deutsche Hymne ertönte nach Abpfiff, die Spielerinnen klatschten in die Hände der Fans. Der Blick richtet sich bereits auf Frankreich. Dort wartet ein Lyon, das weiß: Der Fluch ist gebrochen, der VfL kommt mit Selbstvertrauen. Und Selbstvertrauen ist in der Königsklasse oft der Unterschied zwischen Elend und Epoche.
