Vom rudern zu den paralympics: kathrin marchand will keine pity-story
„Ich fahre zu den Paralympics – und habe eigentlich keine Lust.“ So etwas sagt keine, die sich versteckt. Kathrin Marchand sagt es laut, weil sie keine Lust auf Beileids-Echo hat. Die 35-Jährige ist Ärztin, zweimalige Ruder-Weltmeisterin und startet am 10. März in Cortina zum vierten Mal bei einem olympischen Turnier – diesmal im Skilanglauf, mit halbseitiger Taubheit und eingeschränktem Blickfeld.
Sie ist keine tragische figur, sie ist konkurrentin
Der Schlaganfall kam 2021, mitten im Medizinstudium, vier Jahre nach Olympia-Rio, wo sie Achte wurde. Statt sich in Frührente zu verabschieden, schraubte sie das Pensum runter – von dreimal täglich auf sechs Mal pro Woche – und wechselte die Disziplin. Das klingt nach Marketing-Gag. Ist es nicht. Der Weltverband klassiert sie als „athletisch unabhängig“, weil ihre Ausdauer selbst im Parabereich Spitze ist. Ihre VO2max lag vor dem Infarkt bei 72 ml/kg/min; heute misst das Labor 64 – ein Wert, für den Männer sich kneifen lassen.
Die Nervosität der Veranstalter versteht sie. „Die wollen ein Poster-Girl mit Tränen und Bronze“, sagt sie. „Ich will nur starten.“ Deshalb postete sie ein Selfie mit der Aufschrift „Kein Mitleid, nur Medaille“ – 42 000 Likes, 1 700 Kommentare, darunter drei Mädchen aus Leipzig, die sich seither auf Rollski trainieren. Zahlen, die sich nicht in Reichweite, sondern in realen Nachwuchs übersetzen.

Von der bahn auf die loipe – und zurück in die klinik
Montag, 8:00 Uhr, Köln-Merheim. Marchand springt aus dem Nachtdienst, schnallt sich die Skier unter den Rollstuhl und fährt zur Nordsee, wo Schnee liegt. Dort trainiert sie Intervall 4×8 Minuten in Zone 3, wattgesteuert. Dienstags steht sie um 7:00 Uhr wieder in der Klinik, Station Kardiologie. Ihre Chefin hält nichts von Halbtags-Idealen: „Solange sie keine Patienten vertauscht, darf sie laufen.“ Bisher hat sie keinen vertauscht.
Die Paralympics sind kein Neuanfang, sondern eine weitere Staffel. Die erste olympische Bilanz: 2012 London – Ruder-Achter, Vierte; 2016 Rio – Ruder-Achter, Achte; 2024 Paris – Para-Rudern, Vierte. Die Medaille fehlt. Vielleicht kommt sie in Cortina, vielleicht nicht. Marchand sagt: „Ich bin nicht hier, um zu symbolisieren. Ich bin hier, um zu überholen.“
Wenn am 10. März um 12:15 Uhr das Startsignal fällt, schaltet das ZDF live. Millionen werden sehen, wie eine Ärztin mit Handicap den Führungsdame-Job in der Loipe übernimmt. Sie wird nicht lächeln fürs Fernsehen. Sie wird sprinten. Und danach? Erstmal 24-Stunden-Dienst. Die Medaille kann sie sich selbst umhängen – im OP, zwischen den Herzmonitoren.
