Ventoux-tragödie: der fluch des „schicksalsbergs“ und der doping-schatten

Ein Schauer läuft einem den Rücken hinunter, wenn man an den 13. Juli 1967 denkt. Ein Datum, das für den Radsport untrennbar mit dem Namen Tom Simpson verbunden ist – und mit einer Tragödie, die bis heute Fragen aufwirft und den Sport für immer prägte. Vor 59 Jahren brach der britische Star auf dem Mont Ventoux zusammen und starb. Ein Ereignis, das nicht nur eine Generation von Radsportfans erschütterte, sondern auch einen dunklen, lange verdrängten Schatten auf das vermeintliche Heldenbild warf.

Ein mythos wird zur todesfalle

Roland Barthes‘ Beschreibung des Mont Ventoux als „Gott der Bosheit“ aus dem Jahr 1957 wirkt im Nachhinein beängstigend prophetisch. Der Berg, eine monumentale Kulisse der Provence, war schon damals ein Mythos, ein Ort der Prüfung und des Leidens. Doch erst zehn Jahre später offenbarte sich die ganze Tragweite dieser Worte, als Simpson unter den erbarmungslosen Bedingungen des Anstiegs zusammenbrach.

Simpson, Straßenrad-Weltmeister von 1965 und ein gefeierter Sportler seiner Zeit, war 1967 auf dem Weg zum Gesamtsieg in der Tour de France. Auf der 13. Etappe am Ventoux versuchte er, den späteren Gesamtsieger Roger Pingeon zu attackieren – ein fataler Fehler. Die Hitze, die Anstrengung und ein Körper, der am Limit war, führten zu einem Kollaps, der das Leben des 29-Jährigen beendete.

Kreidebleich, dehydriert und erschöpft steuerte Simpson auf den Tod zu. Die Temperaturen auf dem Asphalt erreichten unglaubliche 54 Grad Celsius. Er fuhr Schlangenlinien, stürzte, rappelte sich auf, nur um kurz darauf endgültig zusammenzubrechen. Tourarzt Pierre Dumas‘ Bemühungen blieben erfolglos. Das Bild des einst so stolzen Sportlers, hilflos am Straßenrand liegend, ist unvergessen.

Doping als dunkler begleiter

Doping als dunkler begleiter

Simpson wurde oft als sportlicher Held stilisiert, doch die Wahrheit war komplexer. Er hatte bereits einige Jahre zuvor öffentlich Doping eingeräumt – ein Thema, das zu jener Zeit noch nicht die gleiche Brisanz hatte wie heute. Die Einführung von Dopingkontrollen in der Tour de France erfolgte erst 1966. Bei seinem Tod wiesen Blutproben Amphetamine und Alkohol nach, was die Tragödie um einen weiteren, bedrückenden Aspekt erweiterte. Dumas soll damals gesagt haben: „Wenn die Jungs heute ihre Nase in ein Fläschchen stecken, haben wir ein Problem.“

Ein Mahnmal, das oft übersehen wird. Der Gedenkstein am Ort seines Todes erinnert an Simpson und an die Gefahren, die mit dem Radsport und dem Rausch der Leistung verbunden sind. Mark Cavendish nannte Simpson ein „großes Idol“, und auch Bradley Wiggins, Tour-Sieger von 2012, verehrt seinen Landsmann. Doch der Gedenkstein dient auch als Mahnung, die oft ignoriert wird. Zahlreiche Stars, darunter Armstrong, Ullrich und Pantani, ließen sich nicht von der Tragödie abschrecken und missbrauchten weiterhin Substanzen.

David Millar, der selbst einen Doping-Tadel erhielt, brach 2012 mit der Simpson-Verehrung. Nach seinem eigenen Comeback und einem Etappensieg am 45. Todestag seines Landsmannes mahnte er: „Ich habe einst dieselben Fehler gemacht wie Tommy und nun sauber gewonnen. Ich hoffe, darin steckt eine Botschaft.“ Ein Appell, der bis heute Gültigkeit besitzt – denn die Schatten des Ventoux, des Schicksalsbergs, sind noch lange nicht verschwunden.