Van der vaarts giftpfeil trifft marokko – und spaltet die niederlande
Rafael van der Vaart spricht, und es knallt. Im NOS-Studio landet sein Satz wie ein Rempler auf offener Straße: „Alle Marokkaner, die hier nicht durchstarten, laufen später für Marokko auf.“ Kein Zucken, keine Einschub-Klappe. Der Ex-Real-Madrid-Star redet sich frei, als wäre das Trainingsgelände von damals noch sein Wohnzimmer.
Warum genau jetzt dieser ton?
Der Anlass ist Rayane Bounida. Der 20-jährige Offensivmann von Ajax schwenkt auf das Atlas-Löwen-Kontingent um – ein Karriereschritt, der in Utrecht, Eindhoven und Amsterdam immer öfter passiert. Doch statt analytisch zu fragen, was hinter der Sehnsucht nach marokkanischem Teamgeist steckt, schaltet Van der Vaart auf Konfrontation. Er spricht vom „Zufluchtsort Marokko“, als handle es sich um eine Abstellkammer für versagende Talente.
Die Zahl, die ihm unterläuft: 14 Spieler im aktuellen marokkanischen Kader wurden in Europa geboren. Das ist keine Randerscheinung mehr, das ist System. Länder wie Frankreich, Belgien und eben die Niederlande haben Jugendakademien, in denen Doppelpass-Optionen heimlich mitgewürfelt werden. Wer den Sprung in die A-Nationalmannschaft schafft, wählt häufig das Land, das ihm das größere WM-Ticket verspricht. Für manchen ist das Geschäft. Für andere Identität. Van der Vaart verwechselt das.
Statt sich mit dem Phänomen auseinanderzusetzen, zieht er Hakim Ziyech als Exempel heran. Der Flügelstrategen von Chelsea-Provenienz, gerade in Casablanca gelandet, sei „das Beispiel dafür, wie man es nicht macht“. Dabei war Ziyech in den Niederlanden jahrelang Stammspieler, ehe er sich für Marokko entschied – mit 23 Treffern in 51 Länderspielen ein Erfolgsmodell, kein Ausrutscher. Die Ironie: Van der Vaart wünscht sich „damals Ziyech“ für Oranje, gleichzeitig diffamiert er die Entscheidung, gen diesen Spieler zu gehen.

Die antwort kommt prompt – und sie lautet busquets
Sergio Busquets, einstiger Barça-Regisseur, meldet sich in der spanischen Radioshow „El Larguero“ zu Wort. Ohne Van der Vaart beim Namen zu nennen, sagt er: „Ich könnte über Dinge lästern, die manchem Spieler passiert sind, aber Respekt zählt.“ Die Kampfansage wirkt wie ein Seitenhieb gegen den Niederländer, der sich inszeniert, ohne die Lautsprecher zu bedienen.
Die niederländische Fußball-Union KNVB reagiert mit Schweigen. Kein offizielles Statement, keine Distanz. Das ist Taktik: Man will das Thema nicht weiter anheizen, gleichzeitig weiß man, dass Van der Vaarts markige Sprüche die Quote der NOS-Sendung nach oben schrauben. Sponsoren lieben Kontroversen, solange sie kein Strafverfahren nach sich ziehen.
Dabei haben die Zahlen längst die bessere Geschichte parat: In der FIFA-Weltrangliste liegt Marokkos aktueller Kader vier Plätze vor der Niederlanden. Die Marokkaner erreichten 2022 das WM-Viertelfinale, Oranje schied schon im Achtelfinale aus. Wer also von „kein Grund zur Sorge“ spricht, wie Van der Vaart, argumentiert gegen Statistiken statt mit ihnen.
Morgen testet die Elftal gegen Ecuador. Auf dem Papier ein Freundschaftsspiel, in den Köpfen ein Stresstest für Ronald Koeman. Denn die Frage ist nicht, ob die Niederlande gegen Japan, Tunesien und den Play-off-Gewinner aus Schweden/Polen bestehen kann. Die Frage ist, ob sie es ohne internen Riss schafft. Van der Vaart hat den Spalt aufgerissen, Marokko lacht, und die Fans diskutieren auf Twitter, ob der Kommentator oder der ehemalige Spieler das Problem ist.
Kees Smit, 19 Jahre, Jungspund aus Groningen, soll jetzt die Zukunft retten. Koeman setzt ihn erstmals von Anfang an ein. Van der Vaart sieht darin „das neue Frenkie de Jong“. Der Vergleich ist hoch, der Druck höher. Denn während die Niederlande nach dem neuen Helden sucht, hat Marokko längst seine Helden gefunden – und sie tragen die Trikots, die Van der Vaart so gerne kleiner redet. Die nächste WM ist in zwei Jahren. Wenn es zum Duell kommt, wird der Niederländer live dabei sein – als Experte oder als Albtraum. Die Kamera läuft auf jeden Fall weiter.
