Tuchel zögert: hymne bei der wm – ein zeichen des respekts oder fehlender leidenschaft?
Die Fußballwelt hält den Atem an – und Thomas Tuchel, der Coach der englischen Nationalmannschaft, scheint es vorerst beim Atmen zu belassen. Vor dem entscheidenden Duell gegen Kroatien am Mittwoch (22:00 Uhr) hat der Deutsche erklärt, dass er die Nationalhymne „God Save the King“ noch nicht mitsingen werde. Eine Geste, die bei vielen englischen Fans für Stirnrunzeln sorgt, aber Tuchel verteidigt seine Entscheidung auf eine überraschende Weise.
Ein verdienter respekt vor der tradition
„Ich glaube, so weit sind wir noch nicht“, erklärte Tuchel dem Telegraph. Doch er ließ auch einen Hoffnungsschimmer für die Zukunft: „Vielleicht ganz am Ende.“ Seit seinem Amtsantritt begleitet ihn die Debatte um die Nationalhymne, und er hat seine Position immer wieder erläutert. Es geht ihm nicht um mangelnden Patriotismus, sondern um einen tiefen Respekt vor der Tradition und der emotionalen Kraft des Liedes. Er betonte: „Es ist eine sehr kraftvolle, emotionale und bedeutungsvolle Nationalhymne, und ich könnte nicht stolzer sein, an der Seitenlinie zu stehen und die englische Nationalmannschaft zu leiten.“
Tuchel argumentiert, er müsse sich das Recht, die Hymne zu singen, erst verdienen. „Ich habe das Gefühl, dass es nicht einfach so selbstverständlich ist. Man kann sie nicht einfach so singen.“ Eine Ansicht, die viele zu verurteilen wissen, aber sie zeigt auch eine gewisse Bescheidenheit und Selbstreflexion, die in der Welt des Profifußballs selten zu finden sind. Der deutsche Coach scheint sich der Bedeutung bewusst zu sein, die „God Save the King“ für viele Engländer hat, und möchte diese nicht schmälern, indem er sie „einfach so“ singt.

Keine ablenkung, sondern eine frage der einstellung
Vor dem Hintergrund des bevorstehenden WM-Turniers, in dem England nach 60 Jahren endlich wieder eine Chance auf den Titel hat, ist Tuchels Verhalten umso bemerkenswerter. Der Druck ist enorm, die Erwartungen hoch, und dennoch bleibt der Coach seiner Linie treu. Er möchte niemanden vor den Kopf stoßen und betont, dass die Hymnen-Debatte nicht im Mittelpunkt stehen soll. „Ich bin ein bisschen schüchtern“, gab er zu, „ich möchte, dass das jetzt nicht im Mittelpunkt steht.“
Prinz William, der die Mannschaft vor dem Abflug in die USA besuchte, zeigte sich interessiert an Tuchels Haltung und fragte nach dem Text der Hymne. „Der Text ist nicht so schwierig“, antwortete Tuchel, was für einen humorvollen Moment sorgte. Die Frage ist: Wird Tuchel sein Schweigen brechen, sollte es England tatsächlich bis ins Finale schaffen?
Obwohl die Hymnen-Debatte für zusätzliche Aufmerksamkeit gesorgt hat, bleibt Tuchel fokussiert auf das Wesentliche: das Spiel. Und vielleicht ist genau diese Konzentration und der Respekt vor der Tradition, was England in diesem Jahr tatsächlich zum Titel führen könnte. Denn Fußball ist mehr als nur ein Spiel – er ist eine Lebenseinstellung, die Leidenschaft, Hingabe und Bescheidenheit erfordert. Und Thomas Tuchel scheint genau das zu verkörpern.
