Tränen statt taktik: mcgraths kristallkugel wird zur kollektivheilung

Atle Lie McGrath brauchte nur acht Sekunden, um Jahre zu verarbeiten. Als er in Hafjell die Arme gen Himmel riss, war nicht nur die kleine Kristallkugel gebrochen – auch die Mauer, die ihn seit Peking 2022 von sich selbst trennte.

Die achterbahnfahrt, die im wald begann

Im Februar 2022 rannte der Norweger nach seinem Olympia-Blackout hinter die Zielwand, direkt in den Fichten von „Rock“. Heute weiß man: Dort versteckte er nicht nur Tränen, sondern das Bild seines Großvaters, dem er alles verdankt und der ihm beim letzten Slalom fehlte wie selten zuvor. Die 64 Punkte Vorsprung auf Clement Noel sind nur die Spitze eines Eisbergs aus Selbstzweifeln, Trainingsfrust und nächtlichen WhatsApp-Sessions mit Lucas Pinheiro Braathen.

Denn der Brasilianer, sein erbitterter Verfolger, war der erste, der ihn umarmte, als Braathens Sturz im zweiten Lauf die Kugel endgültig nach Norwegen drehte. Kein Schulterklopfen, kein Siegerlächeln – eine Umarmung, als wären sie Brüder, die zufällig auf Skiern Streit hatten. Marco Büchel schluckte sichtbar: „Die zwei besten Freunde, die um diese Kugel gekämpft haben, liegen sich jetzt in den Armen.“

Deutschland schaut zu – und fragt sich warum

Deutschland schaut zu – und fragt sich warum

Während sich McGrath und Braathen die Kristallkugeln teilen – jeder hat seine Disziplin gewonnen –, rutschte Linus Straßer im selben Rennen auf Platz neun ab. Sein bestes Saisonresultat: Rang drei in Kitzbühel. Mehr nicht. Der letzte deutsche Männer-Slalom-Sieg liegt bereits so lange zurück, dass man bei der DSV-Zentrale in Planegg inzwischen lieber über Timon Haugans Sieg spricht – einen Norweger, eben.

McGrath selbst wird nach dem Jubel keine Pause machen. „Die härtesten Monate meines Lebens“, sagt er mit Stimme wie Schmirgelpapier, „waren gleichzeitig die besten.“ Dann zieht er das Handy aus der Tasche, startet einen Videoanruf – und zeigt der Kamera stolz die gläserne Kugel, die nun neben Olympia-Foto seines Opas steht. Die Saison ist vorbei, die Geschichte nicht.