Spurs stolpern ins rückspiel – atleti wartet auf den konter

London / Madrid – 45 Minuten reichten, um die K.o.-Phase zu versiegeln. Tottenham steht mit dem Rücken zur Wand, Atletico Madrid darf planen – und die Fans fragen sich: War das schon alles?

Tottenham Hotspur verließ den Rasen von Metropolitano wie eine Schulklasse nach der ersten schlechten Klausur: kopflos, mit hängenden Schultern und der Gewissheit, dass die Lehrer (in diesem Fall Diego Simeone und seine Rojiblancos) morgen noch strenger zulangen werden. Das 0-2 im Hinspiel der Champions-League-Runde der letzten 16 war kein Ausrutscher, sondern eine Lehrstunde in Sachen „Chancenverwertung vs. Chancenvernichtung“.

Simeone hat die anleitung für das aus gelesen

Der Plan des Argentiners war von der ersten Minute an klar: früh stören, die Spurs in deren eigenen Anfangspressing einwickeln und dann mit zwei schnellen Schritten – Correa, Griezmann, Llorente von der Bank – in die halbhohe Zone eindringen. Die Folge: zwei Gegentore bis zur 32. Minute, 37 Prozent Ballbesitz für die Gäste und eine xG-Statistik, die wie ein Drohbrief aussah (1,8 zu 0,4).

Was in Mailand niemand aussprechen will, aber jeder denkt: Tottenham braucht ein Wunder, das mit Tudor auf der Bank und mit Son im Fitness-Keller kaum möglich scheint. Der neue Coach schwang zwar nach der Pause die Peitsche, doch selbst die Einwechslung von Johnson und der verzweifelte Rückgriff auf das 3-5-2 mit zwei Zehnern brachten nur zwei Torschüsse aus dem Strafraum. Atleti zog sich zurück wie ein Boxer, der weiß, dass der Gegner nur noch wild um sich schlägt.

Die Zahlen sind gnadenlos: In 13 der letzten 14 Heimspiele in der K.o.-Phase kassierte Tottenham mindestens ein Gegentor. Simeone dagegen hat in 18 der 19 Europapokal-Rückspiele, in denen seine Mannschaft mit zwei Toren Vorsprung reiste, das Weiterkommen sicher gemacht. Die einzige Ausnahme: 2017 gegen Leicester – damals hatte Oblak Grippe, heute ist er in Bestform.

Spurs brauchen drei tore, atleti nur einen konter

Spurs brauchen drei tore, atleti nur einen konter

Die Rechnung ist simpel: Schon ein einziger Treffer der Spanier zwingt Tottenham zu fünf. Fünf! Das hat in der Geschichte der Königsklasse nur ein einziges Mal eine englische Mannschaft in einem Rückspiel geschafft – Liverpool 2019 gegen Barcelona, und selbst dafür brauchte es einen 4-0-Fußball-Gottesdienst in Anfield. Das Tottenham Stadium ist laut, aber es ist kein Anfield.

Und dann ist da noch die personelle Lage. Romero fällt wegen einer Oberschenkel-Prellung aus, Maddison spielt nur mit Schmerzmitteln, und der Kapitän Son sieht nach seiner Muskelverletzung „50:50“, wie Tudor vorsichtig formulierte. Bei Atletico dagegen meldet sich Griezmann nach seiner Leisten-Operation zurück – und genau er war es, der im Hinspiel mit einem Sprint über 40 Meter das 2-0 vorbereit hat. Die Symmetrie ist perfekt: Ein Franzose liefert die Vorlage für das Ende der Londoner Träume.

Die Buchmacher zeigen sich gnadenlos: Die Quote auf ein Tottenham-Weiterkommen stieg über Nacht von 6,5 auf 13,0. Selbst ein Sieg im eigenen Stadion wird nur mit 2,8 bezahlt – ein klares Signal, dass niemand an die Wende glaubt. Die Statistik wiederholt sich: Wer in der K.o.-Phase mit 0-2 verliert, fliegt zu 87 Prozent raus. Die verbleibenden 13 Prozent? Die hängen am seidenen Faden namens Fußball-Märchen.

Am Dienstagabend um 21:00 Uhr wird der Ball wieder rollen. Die Fans werden „Come on you Spurs“ skandieren, doch selbst der lauteste Gesang wird die Lücken nicht zuwachsen, die Atleti im Zentrum findet. Simeone wird an der Seitenlinie wie ein Schachspieler sitzen, zwei Züge voraus. Tudor wird wüten, fluchen, umstellen – und am Ende zählen nur die Tore. Es sieht alles danach aus, dass die Spurs nicht nur Räume lassen werden, sondern auch die Champions League.