Sensations-sprint in zürich: harys 10,0 sekunden – ein wunder!
Zürich, 21. Juni 1960 – Ein Moment, der die Leichtathletik-Geschichte für immer veränderte: Armin Hary, ein Elektriker aus Frankfurt, stürmte in einem unerwarteten Wettkampf über die Ziellinie und pulverisierte die Schallmauer der 100-Meter-Disziplin. Was als spontaner Einsatz begann, entwickelte sich zu einem der größten sportlichen Überraschungen des Jahrhunderts.
Der verpasste start und die erlösende wendung
Die Geschichte beginnt eigentlich mit einem Startverbot. Der Deutsche Leichtathletik-Verband wollte Hary für die Olympischen Spiele in Rom schonen. Doch als der Anruf kommt, die erlösende Nachricht, dass er doch antreten darf, steht die Zeit gegen ihn. Flüge sind ausgebucht, eine Bestechung mit Fußballkarten sichert ihm schließlich einen Platz in der Mittagsmaschine. Nur wenige Stunden später steht er in Zürich am Startblock – eine Situation, die auf den ersten Blick alles andere als ideal erscheint.

Die aschebahn und der „blonde blitz“
Die Bedingungen waren alles andere als optimal. Eine Aschenbahn, viel langsamer als die modernen Tartanbahnen, erwartete Hary. Dennoch, oder gerade deswegen, entfachte der saarländische Sprinter eine unglaubliche Leistung. „Ich wusste, dass Zürich eine schnelle Bahn hat und ich in Topform bin“, sagte er später. Seine kraftvollen Schritte schleuderten die Asche hoch, während er die 10,0-Sekunden-Marke erreichte – eine Zeit, die die Welt in Atem hielt.
Doch der Jubel wurde abrupt unterbrochen. Das Kampfgericht sprach einen Fehlstart zu. Eine elektronische Messung gab es damals noch nicht, das Augenmaß entschied. Hary bestand auf einem Wiederholungslauf, überzeugte seine Konkurrenten und bewies, dass es kein Versehen war. 35 Minuten später, erneut in einem atemberaubenden Sprint, erreichte er erneut die magische 10,0-Sekunden-Marke – diesmal bestätigt von vier Zeitnehmern.

Ein rekord, der die welt bewegte
Die 14.000 Zuschauer tobten, erkannten die historische Bedeutung des Moments. Zweimal hintereinander 10,0 Sekunden – eine Leistung, die ihresgleichen suchte. Die Steigerung um eine Zehntelsekunde bedeutete umgerechnet zwei Meter, ein Beweis für Harys außergewöhnliches Talent und seine explosive Kraft.
Obwohl eine spätere elektronische Messung eine Zeit von 10,25 Sekunden ergab, steht die 10,0 in den Rekordbüchern – ein Denkmal für einen Moment der sportlichen Perfektion.
Und was noch erstaunlicher ist: Hary erreichte diese Zeit bereits zuvor, am 6. September 1958 in Friedrichshafen. Allerdings war die Bahn dort durch ein Gefälle beeinflusst, was den Wert beeinträchtigte.
Sein Weltrekord hielt acht Jahre, bis Jim Hines 1968 die 9,9-Sekunden-Marke erreichte. Hary selbst spekulierte, dass er auf Tartan sicherlich noch schneller gewesen wäre, möglicherweise sogar unter 10,0 Sekunden. Die Aschebahn bremste ihn aus, doch er überwand diese Hürde auf beeindruckende Weise.
Harys Weg zum Ruhm war geprägt von Umwegen. Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen, getrieben von dem Motto „Du musst aus der Hölle kommen, wenn du ganz nach oben willst“, wechselte er vom Zehnkampf zum Sprint. Sein Erfolg war nicht nur Talent, sondern auch harte Arbeit und die Unterstützung seines Trainers Bert Sumser.
Nach seiner Karriere wurde Hary zu einem erfolgreichen Unternehmer, doch der Weltrekord in Zürich blieb sein unvergesslichstes Kapitel.
