Savoldi packt aus: der junge, der mir 1975 ein tor klaute
Ein 14-jähriger Balljunge schlägt dem Bomber den Ball aus dem Netz – und niemand bemerkt es. Beppe Savoldi lacht heute darüber, denn er schoss an dem Tag ohnehin zwei weitere Treffer. Doch die Geschichte ist größer als diese kuriose Szene: Sie ist ein Zeitzeugnis vom italienischen Profifußball, als Torjäger noch Hosen aus Leder trugen und Transferrekorde Parlamentarier auf den Plan riefen.
Der tag, als ein schulknappe die serie a outete
12. Januar 1975, Ascoli – Bologna. 1:3. Savoldi jagt einen abprallenden Ball, sieht nichts, hört nur Bulgarelli brüllen. Pfiff, Tor – oder so glauben alle. Domenico Citerioni, ein Gymnasiast, hatte den Ball mit dem Fuß wieder ins Feld geschoben. Der Schiedsrichter dachte an den Pfosten, die TV-Kameras dachten gar nichts. „Ich sah nur, wie der Junge wegrannte“, sagt Savoldi. Tage später führte ein Regionalsender ein Tatort-Experiment durch: Citerioni vor leerem Tor, Bein durchs Netz, Aktion im Slow-Mo. „Sie haben mehr Aufwand betrieben als der Ris bei einem Mord.“
Für Savoldi war die Episode ein Fußnote. Er traf zweimal, Bologna gewann. „Was hätte ich dem Jungen sagen sollen? Danke für die Show?“ Die wahre Explosion folgte im Sommer: Neapel zahl 2 Milliarden Lire – damals die höchste Ablöse eines italienischen Spielers. Plötzlich war aus dem Stürmer „Mister Due Miliardi“. Die Zeitungen schrie Skandal, die Politik nahm Einschaltquoten mit, und Savoldi landete in einem Neapel, das sich den Meistertraum ausmalte, ihn aber nicht erfüllte.

Charlie caglieris und der traum vom basketball
Die meisten kennen Savoldis Kopfballkunst. 1,75 Meter groß, Rekordspringer in Bergamo – 1,70 im Alter von zwölf Jahren. „Mein Vorbild war aber nicht ein Stürmer, sondern Charlie Caglieris, der große Playmaker der Virtus Bologna“, verrät er. „Ich wollte Profi werden, aber auf dem Basketballfeld.“ Er spielte als Playmaker, sah Tore im Kopf, bis der Vater ihm ein Fußballboot unterstellte und die Karriere eine Richtung nahm, die 170 Serie-A-Tore und eine Torjägerkrone 1973 zur Folge hatte.
Die 17 Treffer in jener Saison reichten nicht fürs goldene Stiefchen. Riveras und Pulicis Statistik war identisch, aber „Pupi“ hatte eine Partie weniger absolviert – also ging der Pokal nach Turin. „Hätte ich damals schon Video-Beweise gehabt, wäre vielleicht auch mein Name draufgestanden“, sagt Savoldi mit einem Grinsen, das nur Menschen haben, die ihre Rechnung mit der Vergangenheit beglichen haben.

Die sperre, die alles zerbrach
1980 dann der Knall: zwei Jahre Sperre wegen der Totonero-Wette. Savoldi nahm die Schuld auf sich, saß aus, kehrte zurück, war aber nie mehr derselbe. „Ich habe für alle gebüßt“, sagt er knapp. Später coachte er in Serie C, schmiss Präsidenten raus, die sich als Helden aufspielten, und schrieb in Coverciano eine Diplomarbeit über Sportpsychologie – Jahre bevor Mourinho und Spalletti das Thema salonfähig machten.
Heute sitzt er auf dem Bolzplatz, schaut seinem Enkel zu, ruft „Tira… Goal!“, wenn der Kleine den Ball übers Tor pfeffert. Das Lied, das einst im Stadion von Neapel lief, läuft in seiner Erinnerung auf Dauerschleife. Und wenn jemand fragt, was er einem Jungen raten würde, der Profi werden will, sagt er: „Probiert alles. Sinner war Skistars, bevor er Tennis spielte. Die Welt ist größer als ein 16-Meter-Raum.“
Savoldi lacht wieder. Die Sonne fällt durch die Platanen, ein Schuss prallt ans Lattenkreuz – und kein Balljunge ist weit und breit. Diesmal wäre das Tor gezählt.
